Autor: jonas

Norbert Reuter: Es geht nicht nur um höhere Einkommen

Norbert Reuter im Gespräch mit denkhausbremen über das Verhältnis der Gewerkschaften zur Wachstumskritik, die Notwendigkeit von Arbeitszeitverkürzungen und was er sich von den Umweltverbänden wünschen würde. Er arbeitet im Bundesvorstand von ver.di und ist dort Leiter der Grundsatzabteilung Tarifpolitik. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Norbert Reuter kritisch mit Wachstumsfragen und der Entwicklung von Industriegesellschaften. Von 2011 bis 2013 war er sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages.  

Strategien mit Paech und Loske

Die etablierte politische Linke hat noch keine Antwort auf die drängenden Fragen der Zeit gefunden, die es an Symbolkraft mit der Trumpschen Mauer nach Mexiko aufnehmen kann. Möglicherweise sind die üblichen Rezepte aus der Mottenkiste, wie der gute alte Sozialstaat der 70er Jahre, auch nicht mehr die richtigen für die Zukunft. Vielleicht kann die Degrowth- oder Postwachstums-Bewegung dieses Vakuum mit frischen Ideen füllen. Dort werden Forderungen nach Grundeinkommen, Gemeineigentum oder radikaler Arbeitszeitverkürzung mit viel Energie diskutiert. Wie diese dann in die Praxis gebracht werden können, bleibt die Millionen-Dollar-Frage. Beim Dialog Degrowth sind verschiedene Strategien für den Weg in eine mögliche Postwachstumsgesellschaft auf den Tisch gekommen. Renommierte Vordenker der Postwachstums-Bewegung, wie Paech und Loske, haben ihre Ideen zur Diskussion gestellt. Paech setzt auf Bewegung von unten Niko Paech plädiert für gesellschaftliche Labore. Er ist Professor für “Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit” an der Universität Siegen, aber auch Bewegungsarbeiter. “Wir können nicht länger warten und müssen einfach anfangen. Sonst werden wir den notwendigen Wandel nicht in die Wege leiten können.” Auf etablierte Strukturen wie Politik oder Umweltverbände dürfe …

Degrowth konkret gedacht

Am 22. Juni 2016 fand in Berlin der dritte Workshop des Dialog Degrowth statt. Die TeilnehmerInnen dachten dort über Möglichkeiten nach, eine wachstumskritische Perspektive für die Arbeit in den Verbänden zu konkretisieren. Degrowth in die Verbände tragen:   Werkzeuge für Verbände entwickeln:   Degrowth in Kampagnenform bringen: Degrowth als Systemfrage:    

Kurzstudie zum Dialog

Eine nun erschienene Kurzstudie von denkhausbremen gibt einen kurzen Überblick über die aktuelle Wachstumskritik und fasst die Diskussionen aus den ersten beiden Workshops des Dialog Degrowth zusammen. Dort ging es um das Verhältnis der Verbände zu Degrowth sowie um Ansätze und Strategien für die Frage, wie wachstumskritische Perspektiven in der Verbandsarbeit stärker berücksichtigt werden können: Wie lassen sich sozial schwache Menschen bei einer Wachstumswende mit einbeziehen? Mit welchen Strategien können die Verbände Degrowth näher kommen? Wie lässt sich Degrowth überhaupt kommunizieren? Der Text ist als Handreichung für alle gedacht, die sich Gedanken über konkrete Schritte in eine Gesellschaft jenseits des Wachstums machen. Kurzstudie als PDF.  

Barbara Muraca: Verbände können vernetzen helfen

Barbara Muraca (Assistant Professor an der School of History, Philosophy and Religion der Oregon State University) im Interview  denkhausbremen: Was bedeutet für Dich Degrowth, was sind die grundlegenden Ideen dabei? Barbara Muraca: Degrowth im engeren Sinne beinhaltet eine Kritik am Wirtschaftswachstum und der Fokussierung auf das BIP als der zentralen Methode zur Bewertung einer Volkswirtschaft bzw. Gesellschaft. Zugleich geht es um eine Reduzierung der Energie- und Stoffströme in der Wirtschaft und deren großen Einfluss auf Ressourcen und Senken – also das „ökologische Argument“. Für mich ist Degrowth aber viel mehr als das.   In Anlehnung an die französische „Décroissance“ als Ausgangspunkt des heutigen Diskurses übt Degrowth eine grundsätzliche Kritik an Wachstum im Sinne von Steigerung des Profits und an einem gewissen Verständnis des Lebensstandards – beides verbunden mit einer Beschleunigung des Lebens der Menschen. In diesem Sinne hinterfragt Degrowth grundlegende Strukturen und Funktionen unserer modernen Gesellschaften, die sich stabilisieren, indem sie sich immer weiter beschleunigen und weiter wachsen. Neben dem materiellen Verbrauch geht es dann auch um die Frage, wie wir überhaupt zusammenleben wollen, wieviel und wie wir arbeiten, …

Was erwarte ich vom Dialog Degrowth?

Von Jonas Daldrup Die Wachstumsfrage ist da: angesichts von Klimakrise, Verlust der Artenvielfalt, schwindenden Ressourcen und wachsenden Ungerechtigkeiten gibt es eine Suche nach anderen Formen des Wirtschaftens. In Forschungsgruppen und Akademien denken kluge Köpfe über die wesentlichen Zusammenhänge nach, entwerfen Konzepte für eine andere Welt jenseits des Wirtschaftswachstums. Viele Menschen machen sich bereits in großen und kleinen Initiativen auf diesen Weg. Auch der Bundestag hat sich im Rahmen einer Enquete-Kommission mit dem Verhältnis von Wachstum und Wohlstand befasst. Bei Veranstaltungen wie der internationalen Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig tauschen sich tausende Aktive über ihre Ideen und Erfahrungen aus. Da geht was. Es tummelt sich eine bunte Vielfalt von Perspektiven und Ansätzen: Transition Town Gruppen Initiativen für lebendige Nachbarschaften Urbane Gärten Regionale Währungen Leihläden und Tauschringe Engagement für nachhaltige Mobilität Solidarische Formen der Landwirtschaft Genossenschaftliche Führung von Unternehmen usw. Alle weisen in die gleiche Richtung: eine ökologisch tragfähige und sozial gerechte Welt – die mit unserem bisherigen Wirtschaftsmodell nicht vereinbar ist. Eine fast nicht zu überschauende Zahl unterschiedlicher Akteure kommt da zusammen. Ist hier eine neue Szene …