Alle Artikel in: degrowth

Olaf Tschimpke: Planetarische Grenzen sind entscheidend

Olaf Tschimpke im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Er ist Geograph und seit Juni 2003 Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Darüber hinaus ist er stellvertretender Vorsitzender des Rates für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Denkhaus Bremen: Sie führen den NABU seit 2003 als Präsident und sind schon seit Jahrzehnten bei diesem Umweltverband aktiv. Lassen Sie uns mit einem Rückblick beginnen. Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen Bericht „Grenzen des Wachstums“. Wurde dieses Thema damals auch im NABU diskutiert? Olaf Tschimpke: 1972 war ich selbst noch nicht hauptamtlich für den NABU tätig. Im Ehrenamt hat das zu der Zeit keine Rolle gespielt, außer im privaten Umfeld derjenigen, die sich dafür interessiert haben. Der NABU hieß noch Deutscher Bund für Vogelschutz und die breitere Themenaufstellung ist erst später erfolgt. Diese geschah unter dem Einfluss der wachsenden Natur- und Umweltschutzbewegung und der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte, die von den „Grenzen des Wachstums“ mit angestoßen wurde. Es hat bei uns dann noch eine ganze Weile gebraucht, sich als klassischer Naturschutzverband auch für umwelt- und gesellschaftspolitische Fragen zu öffnen. In der …

Niko Paech: An Postwachstum führt kein Weg vorbei

Niko Paech im Gespräch mit Denkhaus Bremen über Postwachtumsökonomie und wie sich die Umweltverbände für die Zukunft aufstellen sollten. Er war bis 2016 Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt der Universität Oldenburg. Seit 2016 lehrt er im Rahmen des Masterstudiengangs Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Niko Paech hat ab 2016 das Konzept der Postwachstumsökonomie in die Diskussion eingeführt. Er skizziert darin ein Wirtschaftssystem, das nicht auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist, sondern sich durch Wachstumsrücknahme auszeichnet.

Adelheid Biesecker: Erwerbsarbeit verkürzen

Adelheid Biesecker im Gespräch mit Denkhaus Bremen über vorsorgendes Wirtschaften, Care Ökonomie, Grenzen des Wachstums und die Rolle der Umweltverbände bei einer Transformation. Adelheid Biesecker war Professorin für Ökonomische Theorie an der Universität Bremen und gehörte der Enquête-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages an. Sie ist Mitglied im Netzwerk „Vorsorgendes Wirtschaften“, in der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland an.  

Angelika Zahrnt: Initiativen vor Ort auf den Weg bringen

Angelika Zahrnt im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin und war langjährige Vorsitzende und ist heutige Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Denkhaus Bremen: Die wachstumskritische Debatte gewinnt an Fahrt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion zu diesem Thema? Angelika Zahrnt: Ich beurteile sie vor dem Hintergrund, dass mich die wachstumskritische Debatte seit meinem Studium in den 60iger Jahren beschäftigt. Wie man dort weiterkommt, ist für mich deshalb auch eine persönliche Frage. Meine Schlussfolgerung ist, dass es nicht mehr ausreicht, die alten Debatten weiterzuführen. Anstatt über alternative Indikatoren zur Wohlstandsmessung und grundsätzliche Fehler am Wachstumskurs zu diskutieren, ist aus meiner Sicht eine Debatte über eine größere Unabhängigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft vom Wachstum notwendig. Zu dieser Frage, wie eine Wirtschaft und Gesellschaft in einer Postwachstumszeit aussehen könnte, habe ich 2010 zusammen mit Irmi Seidl das Buch „Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft“ herausgegeben. Wir und andere AutorInnen haben darin u.a. überlegt, wie z.B. unsere sozialen Sicherungssysteme für Gesundheit und Alter verändert werden müssten. Solche Wachstumstreiber machen es so schwierig, vom Wachstumskurs …

Michael Müller: Herausforderung Ein-Drittel-Gesellschaft

Michael Müller im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Er ist Vorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. Von 2005 bis 2009 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und von 1998 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Denkhaus Bremen: Herr Müller, ich würde gerne mit Ihnen über die Geschichte der Umweltbewegung in Deutschland sprechen. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen? Michael Müller: Ich selbst bin seit 1968 mit Fragen des Umweltschutzes beschäftigt, zunächst innerhalb der Studentenbewegung. Dort wurde das sehr distanziert, manchmal sogar abwertend gesehen, weil die prägenden Themen der Studentenbewegung eher Macht und Herrschaft, der Konflikt zwischen Ost und West sowie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus waren. Auch die Freunde aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) konnten mein Interesse für das Thema Umwelt nicht nachvollziehen. Anfang der 70er Jahre habe ich dann Freunde von mir wie Jo Leinen oder auch Petra Kelly mit zu den Demonstrationen gegen Atomkraftwerke geholt. Aber damals, bis in die zweite Hälfte der 1970iger Jahre, war das ein Außenseiterthema. Im Kern steht ökologisches Denken in Kreisläufen und Begrenzungen in einem gewissen Gegensatz zu der …

Helmut Röscheisen: Umweltschutz und Gerechtigkeit gehören zusammen

Helmut Röscheisen im Gespräch mit Denkhaus Bremen über die Geschichte der Umweltbewegung, die Grenzen des Wachstums und warum Gerechtigkeitsfragen auch für Umweltverbände relevant sind. Helmut Röscheisen war von 1980 bis 2014 Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR), der Dachorganisation der bundesdeutschen Umweltverbände mit rund 100 Mitgliedsverbänden und über fünf Millionen Mitgliedern.

Strategien mit Paech und Loske

Die etablierte politische Linke hat noch keine Antwort auf die drängenden Fragen der Zeit gefunden, die es an Symbolkraft mit der Trumpschen Mauer nach Mexiko aufnehmen kann. Möglicherweise sind die üblichen Rezepte aus der Mottenkiste, wie der gute alte Sozialstaat der 70er Jahre, auch nicht mehr die richtigen für die Zukunft. Vielleicht kann die Degrowth- oder Postwachstums-Bewegung dieses Vakuum mit frischen Ideen füllen. Dort werden Forderungen nach Grundeinkommen, Gemeineigentum oder radikaler Arbeitszeitverkürzung mit viel Energie diskutiert. Wie diese dann in die Praxis gebracht werden können, bleibt die Millionen-Dollar-Frage. Beim Dialog Degrowth sind verschiedene Strategien für den Weg in eine mögliche Postwachstumsgesellschaft auf den Tisch gekommen. Renommierte Vordenker der Postwachstums-Bewegung, wie Paech und Loske, haben ihre Ideen zur Diskussion gestellt. Paech setzt auf Bewegung von unten Niko Paech plädiert für gesellschaftliche Labore. Er ist Professor für “Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit” an der Universität Siegen, aber auch Bewegungsarbeiter. “Wir können nicht länger warten und müssen einfach anfangen. Sonst werden wir den notwendigen Wandel nicht in die Wege leiten können.” Auf etablierte Strukturen wie Politik oder Umweltverbände dürfe …

Tofu trifft Bratwurst

Gastbeitrag von Peter Gerhardt und Jonas Daldrup für die Frankfurter Rundschau am 2. September 2016 Die kritische Debatte über das Wirtschaftswachstum ist von der Mitte der Gesellschaft noch weit entfernt. Um wirkungsvoller zu werden, müssen neue Verbündete mit ins Boot. Deutschland ist ein verunsichertes Land. Ein geteiltes Land. Refugee welcome und Pegida stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die gute alte Soziale Marktwirtschaft hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Der Schatten der Globalisierung reicht bis vor die eigene Haustür. Das Vertrauen in die Demokratie und etablierte Parteien ist im Sinkflug ­ und das, obwohl die wirtschaftlichen Kennzahlen kaum besser sein könnten. Selbst im Boomland Baden­Württemberg fahren CDU und SPD zusammen nicht mal mehr 40% der Stimmen ein. Und im Hintergrund gehen Artensterben und Klimakatastrophe einfach munter weiter: 2016 ist, wie schon die Jahre zuvor, auf dem besten Wege, den nächsten globalen Hitzerekord zu knacken. “So kann es nicht weitergehen!” Diese Analyse teilt die Degrowth­Bewegung mit anderen progressiven Kräften. Die junge Szene versucht, Demokratie und Gerechtigkeit mit der Umweltkrise zusammenzudenken. Unsere wachstumsfixierte Wirtschaft wird zu Recht in …

Was wirklich zählt

Gastbeitrag im Weserkurier von Peter Gerhardt Wirtschaftswachstum und Co. haben als Orientierung für ein gutes Leben ausgedient.Die Steigerung von Produktion und Dienstleistungen war mal das Maß aller Dinge. Das die Bundesrepublik trotz Wachstum und positiver ökonomischer Kennzahlen ein tief verunsichertes Land ist, zeigt uns, dass wir unseren Kompass neu kalibrieren müssen. Auch das letzte Bundesländer-Ranking der wirtschaftsnahen “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” liefert uns wenig Erkenntnis, ob es uns gut geht. Bei der Suche nach dem angeblich besten Bundesland landete Bremen nur auf dem hinteren Platz 12. Aber was heißt das schon. Die Macher solcher Vergleiche rühren aus Faktoren wie Wirtschaftskraft, Bildungsniveau und Arbeitsmarkt einfach einen Index an. Für die Lebenswirklichkeit vieler Bürgerinnen und Bürger kann es hingegen ein Segen sein, wenn die eigene Region bei so einem Wettbewerb hinten liegt. So wie in Bremen, das die Gentrifzierungsexzesse anderer Ballungsräume mit explodierenden Immobilienpreisen bisher glücklicherweise verschlafen hat. Diese sind sicher gut für Wachstumsstatistik und Investoren; für viele Mieter hingegen ein Supergau in der Haushaltskasse. Der Pulsschlag an der Weser war im Gegensatz zu Boomregionen wie Hamburg …