Allgemein

Nicht Unterschicht, sondern Müll

Share on LinkedInTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someoneShare on Facebook

So geht Kapitalismuskritik: “Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“.”

Das ließe sich auch über den Bauern in Liberia sagen, der seinen Boden nicht an internationale Agrarkonzerne abgeben will. Aber auch über die vielen Hartz-Vier-Empfänger bei uns, die eine Finanzoligarchie am liebsten im Gelben Sack als Müll entsorgen würde.

Eine derart treffende Analyse unserer Wirtschaft haben wir schon lange nicht mehr gelesen. Das hätte dem “vorwärts” oder dem “einblick-Infoservice des DGB” gut zu Gesicht gestanden. Nun kommt diese schonungslose, intellektuell brillante Systemkritik aus einer unerwarteten Ecke: Papst Franziskus und seine Mitarbeiter haben in dem jetzt vorgelegtem Evangelii Gaudium den globalen Turbokapitalismus seziert:

Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Darum bestreiten sie das Kontrollrecht der Staaten, die beauftragt sind, über den Schutz des Gemeinwohls zu wachen. Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt.

Stimmt genau! Das Echo der Leitmedien auf diese päpstliche Botschaft war nur zaghaft. Auch im Koalitionsvertrag spielen die Worte des obersten Hirten aus Rom keine Rolle. Eigentlich wäre dies die ureigene Baustelle der C-Parteien gewesen, anstatt Ausländer-Maut und Herdprämie.

Mit seinen Zeilen hat sich der Papst verdächtig gemacht. Deutsche Verfassungshüter aufgepasst: Wir von denkhausbremen haben das Evangelii Gaudium schon auf unseren Festplatten gesichert. Amen!

P.S.: Damit wir nicht falsch verstanden werden: Der Papst muss noch einen See Genezareth voll Weihwasser austrinken, damit er bei Themen wie Homosexualität, Emanzipation etc. auf den rechten Weg kommt.