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Nina Treu: Die Degrowth-Bewegung ist fast noch gar nicht institutionalisiert

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denkhausbremen: Die Umweltverbände blicken auf eine lange Verbandsgeschichte zurück und haben sich zunehmend professionalisiert. Wie schätzt Du die Umweltbewegung ein?

Nina Treu: Aus meiner Sicht sind die großen Umweltverbände immer noch relevante Player. Sie setzen u.a. noch zahlreiche Dinge im Bereich Umweltbildung- und -gesetzgebung um, die man nicht unterschätzen sollte. Sie sollten jedoch darauf achten, dass sie nicht zu systemimmanent und reformerisch werden. Sie sollten Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch sehen, sondern Soziales und Ökologisches zusammen denken.

Wie sieht das denn in der Postwachstumsbewegung aus? Gibt es hier nicht auch schon Machtstrukturen und Alphatiere?

Zunächst ist die Frage, von wem man spricht. Die Umweltverbände lassen sich leicht einrahmen, bei der Degrowth-Bewegung ist das viel schwieriger. Einzelpersonen, die unter dem Label Postwachstum auftreten, kann man daher nicht mit offiziellen Sprecher/innen von Umweltverbänden vergleichen. Meiner Meinung ist die Degrowth-Bewegung fast noch gar nicht institutionalisiert. Das Konzeptwerk macht zwar viele Projekte im Bereich Degrowth. Die Ausgestaltung der Projekte verläuft jedoch sehr basisdemokratisch. Die Formen der Zusammenarbeit sind also noch nicht so gefestigt wie bei den Umweltverbänden.

Aber gibt es nicht schon einen hohen Grad an gleicher Sprache, die sehr auf politische Korrektheit achtet?

Was für die Umweltbewegung gilt, nämlich dass sie stark von dem Bildungsbürgertum geprägt ist, dass gilt bisher auch für die Degrowth-Bewegung. Sie hat zwar den Anspruch, nicht nur Ökologie zu denken, die Aktivist*innen haben aber meist einen hohen Bildungsgrad und kommen aus gut abgesicherten Verhältnissen. Es gibt auch Ausschlussmechanismen wie in anderen homogenen Gruppen. Es gibt es jedoch auch ein starkes Bemühen, in diesem Punkt diverser zu werden.

Sind die Aktivist*innen von „Ende Gelände“ eigentlich ein Teil der Degrowth-Bewegung?

In erster Linie ist „Ende Gelände“ ein Teil der Klimagerechtigkeits- und Anti-Kohle-Bewegung. Erkennbar sind dort jedoch durchaus Degrowth-Argumente für eine grundsätzliche neue Ökonomie. Darüber hinaus gibt es dort Personen, die auch im Degrowth-Umfeld aktiv sind. Es ist aber nach meiner Einschätzung in der Gesamtheit keine Degrowth-Aktion.

Die letzte große internationale Degrowth-Konferenz 2016 in Budapest machte doch einen sehr akademischen Eindruck. Die Schaffung von sozialer Gerechtigkeit war für viele oftmals nur mit einem Spiegelstrich in einer Power Point-Präsentation abgehandelt. Wenn man tatsächlich die Gesellschaften gerechter gestalten wollte, würde es zu großen Widerständen kommen. Gibt es dafür überhaupt ein Bewußtsein in der Degrowth-Bewegung?

Bisher sind wir gewohnt, dass es gemeinhin für Politikvorschläge Akteure wie Parteien und Bewegungen gibt, die das Thema umsetzen können. Die Degrowth-Bewegung benennt dagegen bisher die Probleme in ihrem gesamten Ausmaß. Daher kann das nicht gleich mit ein paar Politikmaßnahmen abgebildet werden. Das Wachstums-Paradigma ist in unseren Gesellschaften so festgeschrieben, dass Degrowth da manchmal fast weltfremd wirkt.

Aber werden denn eigentlich nicht bestimmten Begriffe in der Postwachstums-Bewegung, wie z.B. „die große Transformation“, bereits von anderen Akteuren gekapert. So wie der Begriff „nachhaltig“ der Umweltbewegung längst von der Wirtschaft übernommen wurde?

Bei „Nachhaltigkeit“ stimmt das natürlich: Der Begriff passt aber auch in ein Umfeld, das Reformen in unseren Industriestaaten für ausreichend hält. Daher ist es in der Degrowth-Bewegung wichtig zu schauen, wer den Begriff „Transformation“ besetzt. Der Begriff „Degrowth“ ist dagegen an sich schon eckiger und kann nicht so leicht vereinnahmt werden.

Dass Ökologie und Soziales zusammengedacht werden müssen, haben wir ja schon angesprochen. Den Umweltverbänden wird häufig vorgeworfen, dass sie auf dem sozialen Auge blind sind. Ist das denn bei der Degrowth-Bewegung wirklich anders?

Ich würde da zwischen den konkreten Aktionen in der Praxis vor Ort und den größeren politischen Zusammenschlüssen unterscheiden. Viele Degrowth-Aktive hinterfragen ihren eigenen Lebensstil und versuchen hier etwas zu ändern. Gleichzeitig treffen da sie auf Grenzen, wo ein gemeinsamer politischer Kampf notwendig wird. Den persönlichen Lebensstil betrachten sicher auch viele Mitglieder der Umweltverbände. Auf der politischen Ebene gehen die Degrowther*innen dann schon ein Stück weiter als die klassische Umweltbewegung. Die meisten Organisationsstrukturen in der Degrowth-Bewegung denken die soziale Frage in allen Fragestellungen mit. In der öffentlichen Wahrnehmung wird jedoch derzeit noch mehr Ökologie „hineingelesen“, als die Aktiven tatsächlich bewegt.

Aber überwiegt nicht in der gelebten Praxis der Degrowth-Bewegung der Ökologie-Anteil? Geht es nicht eher um vegane Schuhe, als um Hartz IV-Empfänger*innen?

Was heisst denn eigentlich „die soziale Frage mitdenken“? Sicher finden sich noch wenige Degrowth-Bewegte in Hartz IV-Beratungen. Dagegen lehnen Degrowther*innen z.B. gutbezahlte Jobs bei Großkonzernen ab, die überall nur Menschen ausbeuten.

Aber das können nur Menschen machen, die finanziell abgesichert sind…

Das würde ich nicht so sehen. Es gibt auch Leute ohne reiche Eltern, die von 800 Euro leben wollen. Häufig sind das jedoch Menschen, die nicht aus einem armen familiären Umfeld stammen und daher nicht ständig um ihre finanzielle Existenz kämpfen mussten. Man sollte Degrowther*innen aus einem bürgerlichen Umfeld jedoch auch nicht gegen Menschen aus einkommensschwachen Verhältnissen ausspielen. Wir vom Konzeptwerk setzen selbstverständlich auch Forderungen wie höherer Mindestlohn, Erhöhung der Hartz IV-Sätze und Hartz IV-Sanktionen abschaffen auf die Agenda.

Wo steht die Degrowth-Bewegung in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass die Aktiven in dem Umfeld weiter Druck von unten aufbauen für eine ganz andere Wirtschaftspolitik. Die Bewegung wird jedoch auch Menschen brauchen, die in die Politik hineinwirken oder selbst in der Politik sind, die den Druck von unten aufgreifen. Die Postwachstumsthematik muss dann bei weiteren gesellschaftlichen Playern verankert werden, wie z.B. beim Dialog Degrowth von denkhausbremen mit den Umweltverbänden. Hier sieht man auch deutlich die Widersprüche: Wie kann man einen Degrowth-Gedanken in ein System hineintragen, was von Wachstum bestimmt wird? Ich würde mir wünschen, dass die Degrowth-Bewegung verstärkt in andere Bewegungen und Akteure hinein gewirkt hat, die derzeit noch gar nicht involviert sind, wie z.B. die Gewerkschaften. Degrowth bietet zahlreichen Verbänden und Bewegungen einen konkreten Andockpunkt für ökologische und soziale Fragen und könnte so für eine Verbreiterung des Diskurses für eine sozialere und ökologischere Gesellschaft hilfreich sein.

Ist Degrowth auch ein Modell für den globalen Süden?

Wir sagen deutlich, dass Degrowth erstmal ein Modell für den globalen Norden ist. Wir wollen aber eine prinzipielle Abkehr vom Wachstumsparadigma, um überall selbstbestimmte Entwicklung zu ermöglichen. Das heißt, wir sollten uns die Frage stellen, was überall auf der Welt ein gutes Leben ermöglicht – und vom einseitigen Pfad der industriellen Entwicklung abkommen. Oft wird ja gesagt, Umweltpolitik können sich nur die leisten, die sozial abgesichtert sind. Das trifft für die Industrieländer oft zu. Im globalen Süden ist die derzeitige Wirtschaftspolitik jedoch ökologisch und sozial fatal. Hier ist Umweltpolitik auch immer Sozialpolitik – wenn Bauern von ihrem traditionell bewirtschaftete Land vertrieben werden, damit dort eine Autofabrik entsteht, ist das Wachstumspolitik auf Kosten der Armen und der Umwelt.

Aber gibt es nicht gerade bei der Durchschnittsbevölkerung im globalen Süden einen Wunsch nach stärkerem Konsum, wie z.B. einem funktionierenden Kühlschrank?

Häufig werden die Menschen hier jedoch mit falschen Versprechungen geködert und ihnen ist nicht klar, was die Veränderung ihrer Wirtschaft, die den Kühlschrank ermöglichen soll, alles bedeutet. Also welche Gesamtkosten der mögliche Konsum verursacht. Will ich Strom und Kühlschrank, wenn ich dafür mein Land aufgeben muss und von einem Konzern abhängig werde? Hält der seine Versprechen? Die Frage ist doch immer, auf wessen Kosten das Wachstum geht. Klar gibt es z.B. in Indien und China durch das Wachstum eine erstarkende Mittelschicht. Das geht aber auf Kosten vieler Menschen vom Land, deren traditionelle Lebensweise gerade zerstört wird.