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Barbara Muraca: Verbände können vernetzen helfen

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Barbara Muraca (Assistant Professor an der School of History, Philosophy and Religion der Oregon State University) im Interview 

denkhausbremen: Was bedeutet für Dich Degrowth, was sind die grundlegenden Ideen dabei?

Barbara Muraca: Degrowth im engeren Sinne beinhaltet eine Kritik am Wirtschaftswachstum und der Fokussierung auf das BIP als der zentralen Methode zur Bewertung einer Volkswirtschaft bzw. Gesellschaft. Zugleich geht es um eine Reduzierung der Energie- und Stoffströme in der Wirtschaft und deren großen Einfluss auf Ressourcen und Senken – also das „ökologische Argument“. Für mich ist Degrowth aber viel mehr als das.

 

In Anlehnung an die französische „Décroissance“ als Ausgangspunkt des heutigen Diskurses übt Degrowth eine grundsätzliche Kritik an Wachstum im Sinne von Steigerung des Profits und an einem gewissen Verständnis des Lebensstandards – beides verbunden mit einer Beschleunigung des Lebens der Menschen. In diesem Sinne hinterfragt Degrowth grundlegende Strukturen und Funktionen unserer modernen Gesellschaften, die sich stabilisieren, indem sie sich immer weiter beschleunigen und weiter wachsen. Neben dem materiellen Verbrauch geht es dann auch um die Frage, wie wir überhaupt zusammenleben wollen, wieviel und wie wir arbeiten, wie Arbeit verteilt wird und welche Tätigkeiten als relevant gelten. Es geht um die wesentlichen gesellschaftlichen Institutionen: Wie müssen wir sie verändern, damit sich die Gesellschaft anders stabilisieren kann, als nur durch immer weiteres Wachstum und Beschleunigung?

Für mich persönlich steht Degrowth synonym für ein gutes Leben, eine bessere Lebensqualität, für mehr zwischenmenschliche Beziehungen und weniger Fokussierung auf Profit und materielle Güter. Es bedeutet mehr Demokratie, mehr Möglichkeiten zur Mitentscheidung darüber, wie die Wirtschaft funktioniert. Und es bedeutet mehr Gerechtigkeit, im Sinne einer besseren Umverteilung nicht nur von Geld und Ressourcen, sondern auch von Zeit und sinnvollen Tätigkeiten in der Gesellschaft.

denkhausbremen: Nun gibt es mit Sicht auf ökologische Grenzen und endliche Ressourcen auch Ansätze zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, die auf ein „grünes Wachstum“ setzen. Warum hältst Du diese Strategie nicht für eine geeignete Lösung?

B. M.: Seit Jahrzehnten versuchen wir, diese Entkopplung durch Effizienzsteigerung zu schaffen. Erreicht haben wir bislang eine relative Entkopplung, also eine Verminderung der benötigten Energie und Stoffe für ein bestimmtes Produkt. Die Wachstumslogik führt aber dazu, dass Unternehmen zugleich gezwungen sind, immer mehr und neue Produkte auf den Markt zu bringen und damit ihren Umsatz zu steigern. Und die Verbraucherinnen und Verbraucher kaufen neue effiziente Kühlschränke und stellen ihre alten Geräte in den Keller. Der gesamte Stoff- und Energieverbrauch steigt damit immer weiter an – Stichwort „Rebound-Effekt“. Bislang gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch in Sicht ist. Das Problem ist: Es liegt in der Logik des Systems! Es liegt in der Logik eines auf Wachstum orientierten Wirtschaftssystems, dass verkaufte Produkte kurzlebig sind und Unternehmen immer mehr Produkte auf den Markt bringen müssen. Die ökologischen Gewinne durch technologische Effizienz werden so schnell wieder aufgefressen durch die immanente Wachstumsorientierung.

Abgesehen vom Rebound-Effekt stellt sich noch die Frage was es bedeutet, wenn wir für die Steigerung der Produktivität immer mehr und immer intensiver arbeiten müssen – und welche Folgen das hat, für unsere Lebensqualität und für Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Außerdem glaube ich nicht, dass „grünes Wachstum“ ein Pfad für alle Länder sein kann. Ich denke, dass diese Art von Wachstum nur möglich ist in einigen Ländern und auf Kosten anderer – etwa indem die industrielle Produktion an billigere Standorte mit niedrigeren Standards verlagert wird.

denkhausbremen: Vor dem Hintergrund solcher komplexen Zusammenhänge – was denkst Du, welche konkreten ersten Schritte es braucht?

B. M.: Wir müssen verschiedene Ebenen unterscheiden. Als Verbraucherinnen und Verbraucher können die Menschen sich um eine Reduzierung ihres privaten Konsums bemühen. Viel wichtiger jedoch sind andere Schritte, die wir nur kollektiv tun können. Zum Einen können wir politische Regulierungen erkämpfen. Es könnte z. B. geregelt werden, dass Produzenten die Gewährleistung ihrer Produkte verlängern müssen. Damit würde die geplante Obsoleszenz verringert, also die künstlich provozierte Kurzlebigkeit von Produkten, durch die Absatz und Profite steigen sollen. Ein Smartphone kann 15 Jahre funktionieren, wenn es modular gebaut wird und immer wieder Innovationen im Gerät aufnehmen kann. Wir brauchen nicht alle zwei Jahre ein neues Smartphone.

Es gibt aber noch eine mittlere Ebene, die ich sehr wichtig finde. Dort kommen Menschen zusammen und fangen einfach an, Alternativen auszuprobieren. Das können Modelle des Teilens von Produkten und Dienstleistungen sein, ebenso wie ganz neue Formen der Produktion selbst. Ein Beispiel sind Transition Town Initiativen, in denen Nachbarn gemeinsam andere Formen der Kooperation und Produktion entwickeln. Damit kann sich auch die Art unserer Beziehungen verändern. In Repair-Cafés bleibt der Mensch nicht Konsument, sondern er tritt in die Produktion ein – Reparieren ist eine Produktion.

denkhausbremen: Siehst Du Potenziale, um Menschen verschiedener sozialer Milieus anzusprechen und Degrowth aus der Nische zu holen? Welchen Beitrag könnten die Verbände der Zivilgesellschaft leisten?

B. M.: Die Herausforderung ist, Projekte wie Urban Gardening und Repair-Cafés nicht bloß als einen kulturellen Hype für die gebildete Mittelschicht zu gestalten. Wenn das gelingt, dann können sie auch Orte der materiellen Absicherung sein. Und Orte, an denen andere Formen der sozialen Anerkennung funktionieren als der Besitz bestimmter Dinge. Ein großartiges Beispiel für ein Degrowth-Projekt ist die Integrale Kooperative in Katalonien. Dort werden Dinge gemeinsam produziert und etwa Dienstleistungen im Gesundheitsbereich angeboten. Diese Angebote sind in Zeiten der Wirtschaftskrise entstanden und unheimlich wichtig für die Menschen. Hier wurde lokal etwas geschaffen, das auch strukturelle Auswirkungen hat. Ganz ohne Nische gibt es damit eine Relevanz, auch wenn sie zunächst lokal ist. Solche Angebote können die Menschen ansprechen, ganz einfach indem sie nützlich sind. Mein Wunsch wäre, dass es viele solcher Initiativen gibt, die sich untereinander vernetzen. Bei dieser Vernetzung könnten die Verbände helfen, gerade da einige von ihnen auch international aufgestellt sind.

In den Nischen können wir allerdings lernen, dass Alternativen möglich sind. Nicht nur vom Kopf her – wir erleben dort konkret, dass Dinge auch anders laufen können. Wenn wir solche Erfahrungen mitnehmen in andere Bereiche, dann kann die Nische ein Ort politischer Bildung sein. Die Chance der Verbände sehe ich in der Vernetzung vieler solcher Projekte, im Schaffen von Bündnissen. Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass jeder Verband nur sein eigenes Süppchen kocht. Bei der „degrowth 2014“ in Leipzig war es schön zu sehen, wie die beteiligten Verbände nach strategischen Überschneidungen gesucht haben. Es muss keine Übereinstimmungen in allen Dingen geben, um Gebiete zu finden, in denen Verbände gemeinsam politische Ziele erstreiten können. Gerade auch die Gewerkschaften mit ins Boot zu holen, das halte ich für sehr wichtig. Schließlich sind Umweltkonflikte überall auf der Welt auch soziale Konflikte, die Themen Umwelt und soziale Gerechtigkeit lassen sich nicht voneinander trennen.

denkhausbremen: Lässt sich denn die soziale Frage mit in den Degrowth-Gedanken integrieren? Wie können prekär lebende Menschen dazu verleitet werden, auf materielle Dinge zu verzichten und ein anderes Leben zu versuchen?

B. M.: Das kann man nicht, und das soll man auch nicht. Ich würde empfehlen sehr vorsichtig zu sein mit der Botschaft des materiellen Verzichts für Alle. Wir können nicht zu den Menschen gehen, die noch nie in den Genuss gekommen sind, vom Überfluss materieller Güter gestresst zu sein, und ihnen Fernseher und Auto ausreden. Das wäre eine Blindheit gegenüber der konkreten Situation von Menschen. Degrowth zielt daher auch auf die Veränderung der Gesellschaft und ihrer Institutionen, und es geht auch um Umverteilung.

Für mich ist Degrowth eine Art Schirm, unter dem sich viele Formen von Widerstand und von kreativer Veränderung wiederfinden können. Die Idee ist nicht ganz klar definierbar, sie hat verschiedene Seelen und Strömungen. Ich finde gut, wenn das so bleibt. Ich stelle mir Degrowth als ein Archipel vor, in dem es viele verschiedene Inseln gibt. Alle liegen im selben Gebiet, sind aber doch unterschiedlich. Ich finde, gerade diese Vielfalt ist sehr wichtig für die Bewegung.