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Weniger Wachstum – Mehr Gerechtigkeit

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Wer hätte das gedacht? Dass die großen deutschen Umweltverbände eine Abkehr vom Wachstumsdenken fordern, ist vielleicht nicht wirklich überraschend. Dass sie gleichzeitig unisono auch für mehr soziale Gerechtigkeit eintreten, lässt allerdings aufhorchen.

Genau das ist jedoch die durchaus überraschende Quintessenz der Interviewreihe, die denkhausbremen mit aktiven und ehemaligen Führungskräften von sechs Umweltverbänden geführt hat. Darin äußern sich die Umweltfachleute auch über ihr ambivalentes Verhältnis zur Industrie, blicken zurück auf Erfolge und Misserfolge der bundesdeutschen Umweltbewegung und schildern ihre Ideen für die Zukunft.

Sackgasse Wachstum
Bei dieser Diagnose sind sich die Befragten einig: Das Märchen vom Wirtschaftswachstum ist auserzählt. Eine auf permanentes Wachstum programmierte Wirtschaft erschöpft auf Dauer unseren Planeten. Zu dumm nur, dass die Menschheit genau in dieser Richtung unterwegs ist. Und mittendrin befinden sich die Umweltverbände mitsamt Spender/innen und Unterstützer/innen. Folgerichtig fordern die befragten Fachleute von BUND, Greenpeace, NABU, WWF und Co. einen mehr oder weniger radikalen Kurswechsel. Aber wie soll das gehen? Die aktuelle Postwachstums-Diskussion kann darauf möglicherweise eine Antwort geben.
Aus diesem Grund beobachten etablierte Verbände wie der WWF die wachstumskritische Debatte sehr genau, so dessen Vorstandsmitglied Christoph Heinrich. Er sieht zum Beispiel viele inhaltliche Übereinstimmungen mit den „Ende-Gelände“-Protesten. Diese verknüpfen Forderungen nach einem Braunkohle-Sofortausstieg mit wachstumskritischen Positionen.
Andere Verbände schlagen in die gleiche Kerbe. NABU-Präsident Olaf Tschimpke: “Bei den wichtigsten Themen des Umweltschutzes, beim Verlust der biologischen Vielfalt sowie beim Klimawandel, sind tatsächlich schon heute die Grenzen überschritten.”
Die BUND-Ehrenvorsitzende Angelika Zahrnt warnt allerdings vor einem Schulterschluss mit rechtspopulistischen Wachstumskritikern.

Ökologie und Soziales gehören zusammen
In den Führungsetagen der Umweltverbände ist man sich einig, dass ohne soziale Gerechtigkeit ein ökologischer Wandel der Gesellschaft nicht zu haben ist. “Wenn die Menschen den Eindruck haben, das läuft nicht gerecht ab, dann haben wir mit unserer Transformationsstrategie keine Chance”, ist sich der NaturFreunde-Vorsitzende Michael Müller sicher.
Im Gegensatz dazu stehen die Umweltverbände zunächst im Verdacht, in erster Linie die Interessen ihrer bürgerlichen Zielgruppen abzubilden. Soziales habe keinen Platz im Portfolio der Ökoverbände. Der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Helmut Röscheisen, räumt ein: Solange sich die Umweltbewegung vorwiegend aus Angehörigen der Mittelschicht zusammensetze, falle es schwerer, den Blick für soziale Ungerechtigkeit zu schärfen. Er nennt ein Beispiel: An einer stark befahrenen Durchfahrtsstraße im Raum Köln mit einkommensschwachen Anwohnern sei 30 Jahre nichts gegen Lärm und Abgase unternommen worden. „Wenn einflussreiche Leute an dieser Straße wohnen würden, dann hätte es vielleicht längst Änderungen gegeben.“
Mit diesem gesellschaftlichen Kontext müssten sich die Umweltverbände deshalb auseinandersetzen, ergänzt Michael Müller. Er hofft, dass ein „Bündnis von sozialem und ökologischem Denken“ gegen die gesellschaftliche Spaltung entsteht.

Industrie als Feindbild oder Partner
Die Interviewten sprechen auch über ihr ambivalentes Verhältnis zur Industrie. Weder gibt es dabei Lob über den grünen Klee noch abgrundtiefe Kritik. NABU-Präsident Tschimpke bringt es auf folgenden Nenner: „So viel Kooperation wie möglich, so viel Konfrontation wie nötig.“ Nach seiner Wahrnehmung haben sich BUND und Greenpeace schon immer klarer von der Wirtschaft abgegrenzt, während der WWF stets einen recht intensiven Kontakt zur Wirtschaft gepflegt habe. „In diesem Spannungsbogen bewegt sich der NABU.“ Wesentlich kritischer bewertet Wolfgang Lohbeck von Greenpeace den Dialog mit der Wirtschaft. Möglicherweise falle es nach persönlichen Begegnungen schwerer, mit Konzernen öffentlich hart ins Gericht zu gehen. Vor allem aber bestehe die Gefahr, sich zu sehr um Detailverbesserungen zu bemühen und das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Aus der eigenen Geschichte lernen
Womöglich lohnt sich für die Umweltverbände ein Blick ins eigene Archiv, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Die aktuelle Wachstumskritik ist schließlich nicht einfach vom Himmel gefallen – bereits in den 1970er Jahren veröffentlichte der Club of Rome seine Studie “Grenzen des Wachstums”. In den politisch aufgeladenen Zeiten von damals sind auch Verbände wie Greenpeace und BUND ins Leben gerufen worden.
In der Folge kam es laut WWF-Vorstand Heinrich zu einer Spaltung der Naturschutzszene: Auf der einen Seite eher linke Akademiker beim BUND, auf der anderen Seite der NABU-Vorgänger „Deutscher Bund für Vogelschutz“, in dem sich nach seiner Erinnerung vor allem konservative Handwerksmeister, Angestellte und Arbeiter trafen.
Auf der damaligen Agenda der Ökoverbände standen auch grundsätzliche Fragen zum Wirtschaftssystem. Für Greenpeace-Experte Lohbeck etwa war der Kampf gegen dreckige Flüsse auch „eine Art von Kapitalismuskritik“.

Umweltverbände gleichen sich an
Eheleuten wird bekanntlich nachgesagt, dass Sie sich mit der Zeit immer ähnlicher werden. Der gemeinsame Mikrokosmos erzeugt ähnliche Lebensformen. Vielleicht ist so zu erklären, warum sich die Umweltverbände bei ihrem Rendezvous mit der Realität immer weiter angleichen. Das Wechselspiel aus Kooperation und Konfrontation mit Wirtschaft, Presse und Politik zwingt die Verbände offensichtlich in die gleiche Umlaufbahn. Greenpeace, das nach Wolfgang Lohbecks Worten mal als „Teil einer systemkritischen Bewegung” gestartet wurde, sitzt heute auf internationalen Umweltkonferenzen einträchtig neben dem WWF, der seine Unterstützer anfangs aus Hochadel und High Society rekrutierte.

Blick in die Zukunft
Und wie soll es jetzt weitergehen? Die Interviewten wagen einen Blick in die Glaskugel und erläutern ihre Ideen für die Zukunft. Die BUND-Ehrenvorsitzende Angelika Zahrnt hat einen pragmatischen Vorschlag: „Die Stärke der Umweltverbände – zumindest von NABU und BUND – liegt ganz klar auf der lokalen Ebene“. Hier sollten sie für mehr Repair-Cafés, Car Sharing und öffentliche Bücherschränke streiten – und zugleich auf politischer Ebene bessere Rahmenbedingungen für ressourcensparendes Verhalten fordern.

Wenn es nach Ex-Staatssekretär Müller geht, sollten sich die Verbände noch stärker politisch einmischen: Er ruft sie dazu auf, „eine Art APO, also außerparteiliche Opposition“ zu bilden und die politischen Parteien beim Thema Wachstum stärker unter Druck zu setzen.

Greenpeace-Experte Lohbeck rechnet damit, dass es den Umweltverbänden so ergeht wie der SPD: „Immer wenn die Sozialdemokratie sich in der politischen Mitte eingerichtet hatte, etablierten sich linke Abspaltungen.” In den 1920er Jahren sei die USPD entstanden, zuletzt dann die Partei Die Linke. Bei den Umweltverbänden könnten ebenfalls neue Ausgründungen entstehen: „Organisationen mit Pioniergeist, die Probleme wieder kontroverser auf den Punkt bringen“.

Möglicherweise befinden wir uns bereits in der Zukunft – und die Postwachstumsbewegung ist so etwas wie die Reinkarnation der Umweltverbände.

Von Peter Gerhardt und Michael Gerhardt

Die Interviewreihe als Broschüre zum Download: Bitte hier klicken.