degrowth, Interview

Wolfgang Lohbeck: Umweltverbände sollten was riskieren

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Wolfgang Lohbeck im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Er arbeitete über 30 Jahre bei Greenpeace, u.a. als Leiter der Verkehrskampagne. Für Greenpeace entwickelte er 1985 den „SmILE“, einen modifizierten Renault Twingo, der auf 100 Kilometer drei Liter verbrauchte. Der weltweit erste FCKW- und FKW-freie Kühlschrank geht auch auf Wolfgang Lohbeck zurück.

Denkhaus Bremen: Waren Umweltverbände wie Greenpeace früher systemkritischer?

Wolfgang Lohbeck: Das kann man so sagen, zumindest war der Konflikt mit „dem System“ offensichtlicher als heute Allerdings hat sich dieses „System“ damals auch mit den drastischen Umwelt-Schweinereien deutlicher manifestiert, sozusagen direkt am Abflussrohr. Für mich waren die dreckigen Flüsse, gegen die Greenpeace damals gekämpft hat, auch eine Art von Kapitalismuskritik. Alle, die bei Greenpeace waren, hatten in irgendeiner Art und Weise einen systemkritischen Ansatz, und nach meinem Verständnis war Greenpeace in seinen Anfangszeiten eindeutig Teil einer systemkritische Bewegung. Greenpeace sagte damals selbst, es geht uns um die Wale als Symbol für das große Ganze. Wie gehen wir eigentlich um mit Natur?
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass sich die allerersten spektakulären Greenpeace-Aktionen gegen Atom gerichtet hatten. Und die Atomdiskussion war natürlich nicht nur eine reine Umweltdiskussion, sondern reichte in die Friedensbewegung hinein und hat bis heute eine antimilitaristische Komponente, so wie man ja auch nicht zwischen „friedlichem“ und „militärischem“ Atom unterscheiden kann. Es ging, und geht eigentlich auch heute noch, also um sehr viel mehr als „nur“ Umweltschutz.

Denkhaus Bremen: Und wie hat sich Greenpeace dann weiter entwickelt?

Wolfgang Lohbeck: Nun, die konkreten Konflikte drehten sich nun mal um Umweltaspekte, und da war es eigentlich absehbar, dass sich die Sicht mehr und mehr darauf verengen würde. Vielleicht haben daran aber auch die Akademiker ihren Anteil, die zunehmend zu Greenpeace kamen und das damals beginnende Konferenzwesen rund um das Umweltthema.
Das war nicht immer so. Harald Zindler war Herz und Motor, und der war eben kein Akademiker, sondern Elektriker. Der hatte, zusammen mit dem Fischer Östmann, gegen die Vergiftung der Elbe protestiert und Greenpeace gezeigt, wie man Aktionen macht, und die haben sich nicht nur um das Thema Umwelt gedreht.
Die spätere thematische Verengung finde ich persönlich bedauerlich. Nach meiner Vorstellung hätte Greenpeace z.B. damals auch den Irakkrieg zum Thema machen sollen. Das ist unter dem Hinweis “Greenpeace doesn’t take sides” (Greenpeace macht sich nicht mit einer Seite gemein, so der damalige Geschäftsführer von Greenpeace International) abgelehnt worden. Aber so sehe ich das nicht, im Gegenteil. Natürlich sollte Greenpeace sich mit einer Seite „gemein“ machen, nämlich mit den Opfern des Systems, den Schwachen, der schutzlosen Natur ebenso wie, in diesem Fall, dem Völkerrecht. Es wäre ja nicht darum gegangen, Partei für Saddam Hussein oder die USA zu ergreifen.
Aber zu viele waren dagegen. Auch so intelligente Leute wie der Friedensforscher Horst Eberhard Richter oder SPD-Urgestein Freimut Duve, die ich damals wegen des Irak-Krieges interviewte, waren der Meinung, Greenpeace sei eine Umweltorganisation und solle sich deshalb nicht zu Krieg und Frieden äußern: Schuster bleib bei deinen Leisten. Aber die Hauptgegnerschaft gegen einen umfassenderen Ansatz von Greenpeace, der sich z.B. auch dem „Peace“ im Namen verpflichtet fühlen würde, kam von innerhalb: Bemerkenswerterweise umso stärker, je näher man der Leitungsebene kam, wie eine wissenschaftliche Studie des Hamburger Friedensforschungsinstituts IFSH herausgefunden hat.

Denkhaus Bremen: 1992 gab es die große Umweltkonferenz in Rio. Auf welche Resonanz ist das bei Greenpeace gestoßen?

Wolfgang Lohbeck: Auf keine besondere. Natürlich fühlten wir uns grundsätzlich in unseren Anliegen bestärkt. Aber der Prozess der „Akademisierung“ und der Reduzierung von „Umwelt“ auf ein eingegrenztes „wissenschaftliches“ Sachgebiet wurde damit wesentlich vorangetrieben, eine Fehlentwicklung.

Denkhaus Bremen: Wie hat sich die Evolution von Greenpeace auf Entscheidungsstrukturen ausgewirkt? Gab es am Anfang Hierarchien?

Wolfgang Lohbeck: Das habe ich in der Innenansicht, gerade in der Anfangszeit, so nie wahrgenommen. Hierarchien waren eher informell, Ideen für Aktionen wurden in der Gruppe oder „auf dem Flur“, entwickelt. Strukturen spielten eigentlich keine große Rolle, die sind erst später eingeführt worden. Es gab natürlich starke Persönlichkeiten, die stilprägend waren, wie Harald. Irgendwann ist dann die Bedeutung von Gremien, etwa des Vereinsvorstands, größer geworden. Aber das mußte auch so sein, denn es gab erste Krisen.

Es wurden dann weitere Hierarchieebenen eingezogen und die internen Abläufe sind immer weiter formalisiert worden. Das war bei der wachsenden Zahl der Mitarbeiter und den neuen Aufgaben etwa auf der europäischen Bühne zwar nötig und auch nützlich, um Fehler zu vermeiden. Es hat aber auch den Enthusiasmus der Mitarbeiter gebremst, denn die Chance auf Umsetzung der eigenen Ideen wurde dadurch sehr überschaubar.

Denkhaus Bremen: Wie hat diese Entwicklung Greenpeace verändert?

Wolfgang Lohbeck: Heute wird vorausgesetzt, dass Informationen von Greenpeace verlässlich sind, und bei großen UN-Konferenzen gehören wir zum Inventar. Wir sind „seriös“ geworden. Mit zunehmender Reputation wurde natürlich auch die Gefahr größer, mit einer unbedachten oder vergeigten Aktion von den Medien in Grund und Boden geschrieben zu werden. Vielleicht kann man sagen, dass wir früher mutiger waren, aber man muß auch sehen, dass wir nicht so viel zu verlieren hatten. Wir hatten nicht das Image des Perfekten, eher im Gegenteil, und konnten damit ganz gut leben. Wenn mal ein Bannerspruch nicht ganz so treffend war, wurde uns das nachgesehen, denn so oder so waren wir ja doch „die Guten“, und die einzigen, die sich dem System der Zerstörung direkt entgegen stellten.

Denkhaus Bremen: Sie sind der Vater des sogenannten 3-Liter-Autos, dass jetzt sogar im Deutschen Museum in München seinen festen Platz gefunden hat. Wie ist das entstanden?

Wolfgang Lohbeck: Wir wollten die Wut der Autofahrer auf die Autohersteller lenken. Obwohl wir auch grundsätzlich was gegen Autos hatten, war unser Impuls, erstmal dafür zu sorgen, dass die Autos, die rumfahren, wenigstens den aktuell machbaren technischen Standard einhalten. Und dann sind wir nach intensiver Recherche auf das Thema „Hochaufladung“ gekommen und haben den SmILE (Small – Intelligent – Light – Efficient) gebaut. Wir hatten bewiesen, was wir wollten: Auch ein ganz „normales“ Auto muss nicht mehr als zwei bis drei Liter verbrauchen. Letztendlich konnten wir die Autoindustrie damit aber nicht in Defensive drängen. Denn diese hat dann unsere Technik übernommen, aber die höhere Effizienz nicht in sparsamere, sondern größere Autos gesteckt. Infolgedessen fahren jetzt wohnzimmergroße SUVs auf unseren Straßen, die vielleicht neun Liter Diesel verbrauchen und sich „umweltfreundlich“ nennen, eine obszöne Entwicklung. Früher hätten solche Autos natürlich 20 Liter und mehr geschluckt.

Denkhaus Bremen: Der Dialog mit der Industrie kann für Umweltverbände eine schmaler Grat sein? Was sind Ihre Erfahrungen?

Wolfgang Lohbeck: Unser Erfolg mit dem SmILE führte dazu, dass ich persönlich zu allerlei Sustainability-Gesprächen eingeladen wurde. Dort ist es dann möglich, wie im Fall von Daimler, sich direkt mit dem Vorstand auszutauschen und Kritik unmittelbar in der Führungsetage zu platzieren. Das ist natürlich gut. Persönlicher Kontakt hat mich als Umweltschützer aber vielleicht auch geschwächt. Möglicherweise fällt es mir schwerer, mit Konzernen öffentlich hart ins Gericht zu geben, wenn ich noch vor kurzem mit dessen Vorstand am Besprechungstisch gesessen habe. Vor allem aber läuft man Gefahr, sich allzu sehr in die „Niederungen“ der kleinen Detailverbesserungen zu begeben und das große Ganze aus dem Auge zu verlieren. Also etwa, ein Beispiel, einem Abgasziel von „95 Gramm CO2/ km“ (EU- Grenzwert) zur Durchsetzung zu verhelfen, wo es doch um das durchaus perverse Fortbewegungsmittel „Auto“ insgesamt geht.

Denkhaus Bremen: Letztendlich ist Greenpeace sehr erfolgreich und hat mittlerweile mehr Förderer als die SPD Mitglieder.

Wohlgang Lohbeck: SPD ist ein gutes Stichwort. Immer wenn die Sozialdemokratie sich in der politischen Mitte eingerichtet hatte, etablierten sich linke Abspaltungen. In den 20er Jahren die USPD, in der Neuzeit die WASG oder die Linke. Vielleicht werden große Umweltorganisationen das gleiche erleben: Es entstehen kleine Ausgründungen. Organisationen mit Pioniergeist, die Probleme wieder kontroverser auf den Punkt bringen, als es vielleicht große Verbände können. Auch auf die Gefahr hin mal öffentlich Prügel zu kassieren. So eine neue Bewegung würde vielleicht auch mal Leute anziehen, die bereit sind, persönlich für eine Sache ins Risiko zu gehen.

Denkhaus Bremen: Und welchen Kampagnen-Themen sollten kontroverser auf den Punkt gebracht werden?

Wolfgang Lohbeck: Ein Mobilitätskampagne müsste eben leider auch die Autofahrer angreifen, nicht nur Industrie oder Politik. Sie sind zwar auch die Opfer, weil Sie im Stau stehen, aber sie sind auch der Stau. Davon lassen die großen Verbände aber bislang die Finger, weil der Besitz von schweren Autos ausgerechnet bei ihren eigenen Unterstützern überproportional ist. Das sind halt Leute mit guter Ausbildung und guten Jobs, und die fahren oft auch dicke Karren.

Denkhaus Bremen: Und wie könnte Umweltpolitik aussehen, die nicht über den Geldbeutel geführt wird, wie bei der “5 Euro für den Liter Sprit Debatte”, und alle gleichermaßen trifft?

Wolfgang Lohbeck: Da fällt mir auf Anhieb das Tempolimit ein, davon wären alle Autofahrer betroffen. Aber auch „das System Auto“ als ganzes, so wie es sich heute darstellt: Brutal, gewalttätig, vernunftwidrig, auf Kosten aller. Kampagnen dazu wurden aus meiner Sicht immer nur halbherzig geführt, wären aber dringend notwendig. Dazu müsste viel mehr gearbeitet werden. Es gibt hervorragende Analysen, wie von Wolfgang Zängl in seinem Buch “Rasen im Treibhaus – warum Deutschland ein Tempolimit braucht”. Es bräuchte bei den Ökoverbänden dazu aber einen längeren Atem als bisher und das Verständnis, dass es nicht „nur“ um Umweltschutz geht.

Denkhaus Bremen: Kann die wachstumskritische Debatte eine Frischzellenkur für die Umweltverbände sein kann?

Wolfgang Lohbeck: Ich denke schon und es wäre schön, wenn z.B. Greenpeace da einsteigen würde. Im Augenblick sind die Zeiten schlimm, mit unzähligen Kriegen und wachsendem Rechtspopulismus, der durch einen Trump nochmals einen ordentlichen Schub bekommen hat. Aber auf jede Aktion folgt ja irgendwann eine Reaktion: Vielleicht wächst ja gerade dadurch die Bereitschaft, etwas völlig Neues zu machen: Es sollte erkannt werden, dass sauberes Wasser und saubere Luft zwar unverzichtbar sind, auch als Kampagnen-Gegenstand, aber nur dann wirklich für alle erreichbar, wenn es gegen „das System“ geht: In einem ungehemmten weltweiten Kapitalismus kann es keine intakte Umwelt geben, ausser in privilegierten Nischen. Aber ich glaube, Greenpeace ist da eigentlich auf dem richtigen Weg, manchmal ist es ihnen selbst vielleicht gar nicht so klar. Die Umweltbewegung muss jetzt erstmal das Wachstums-Thema annehmen. Das sehe ich zwar noch nicht konkret, aber es wird kommen. Und Greenpeace ist immer noch in der Lage tolle Aktionen zu machen. Nach der Amtsübernahme von Trump haben Aktivsten direkt vor dem Weissen Haus das Banner “RESIST !” gehängt. Das war eine starke Aktion und die richtige Botschaft..