Diskussionspapier von denkhausbremen: Warum es sich gerade jetzt für die Umweltverbände lohnen könnte, mit neuen Strategien an alte Erfolge anzuknüpfen
Wie bleibt die Umweltbewegung in rauen Zeiten relevant? Hier geht es zum Diskussionspapier von denkhausbremen auf diese Herausforderung. Den Inhalt haben wir uns nicht aus den Fingern gesogen – hier kommen die Meinungen von Menschen zur Geltung, die bisher wenig mit Ökoverbänden zu tun hatten. Dafür haben wir zu Veranstaltungen in Gasthöfen, Dorfgemeinschaftshäusern und Klassenzimmern eingeladen. Außerdem haben wir zahlreiche Kolleg:innen aus den Umweltverbänden in Einzelinterviews befragt. Und natürlich sind wir selbst schon lange Teil der Bewegung. Das vorliegende Papier ist ein Mix aus alledem.
Wir danken unseren Gesprächspartner:innen für die offenen Worte und die großartigen Gedanken. Das hat uns Freude gemacht und inspiriert. Wir würden uns freuen, wenn euch das beim Lesen auch so geht. Wie ihr feststellen werdet: Vieles ist nicht vollkommen neu – aber es gibt konkrete Anhaltspunkte, in welche Richtung in Zukunft weiter gedacht und gemacht werden könnte. Dennoch haben wir im Moment eher viele Fragen. Die Antworten dazu möchten wir gerne gemeinsam mit euch entwickeln.
Umweltbewegung im Gegenwind
Es lief schon mal besser für den Umwelt- und Klimaschutz – und damit für die Umweltverbände. Lange galten sie als moralische und politische Avantgarde einer Gesellschaft auf Ökokurs. Doch diese Reputation bekommt Risse. Die Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamtes zeigt seit 2022 einen klaren Trend: Umweltschutz zählt zwar noch zu den relevanten Politikfeldern, verliert jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung an Gewicht.
So wie beim Klimaschutz – bis vor Kurzem noch ein zentrales politisches Projekt. Greta Thunberg hat in Davos den Mächtigen die Leviten gelesen, Panik angeordnet, und die von ihr inspirierten Fridays-for-Future-Demos waren Massenevents. Die Grünen griffen nach dem Kanzleramt, keine Tagesschau ohne Klima-Nachrichten und Fliegen galt auf einmal als Pfui. Klima war überall. Nur wenige Jahre später ist es deutlich stiller geworden und wir befinden uns in
einer paradoxen Zwischenwelt: Noch immer hält die Mehrheit der Menschen in
Deutschland den Klimawandel für ein relevantes Problem, doch das Thema ist auf der politischen Agenda nach hinten gerutscht.
Heute, inmitten der viel besprochenen Multikrise, spalten soziale Ungleich-
heit, kulturelle Spannungen und die fortschreitende Ökonomisierung zentraler
Lebensbereiche die Gesellschaft. Die einen reden von der „Großen Transfor-
mation“, als wäre sie ein IKEA-Regal – und die Umweltverbände hätten die
Anleitung dazu. Für die anderen sind Begriffe wie „Energiewende” Triggerworte,
hinter denen sich Gemeinheiten verstecken: dass der Strom jetzt teurer ist und
der Windpark vor dem Fenster aussieht, als hätte jemand die Landschaft mit
Krach machenden Riesen-Strohhalmen gespickt.
Gleichzeitig kommt politischer Gegenwind auf. Populisten setzen die westlichen
Demokratien von innen und außen unter Druck – und mit ihnen die sogenannte
freie, offene Gesellschaft, jenes Milieu, in dem Umweltverbände in den letzten
Jahrzehnten eine einmalige Erfolgsgeschichte hingelegt haben. Autokraten
erobern mehr und mehr das Spielfeld und sind in Sachen Umweltschutz mit der
Abrissbirne unterwegs. Darüber hinaus inszenieren sich rechtsnationale Kräfte
als Bewahrerinnen der „heimischen“ Umwelt – und knüpfen damit an histori-
sche Schnittmengen zwischen der frühen Naturschutzbewegung und völkischem
Gedankengut an.
Lauter denn je drängen auch wirtschaftsnahe Lobbygruppen nach vorne, die mit
Umwelt wenig am Hut haben und ökologische Errungenschaften am liebsten
wieder zurückdrehen würden in die gute alte Zeit, als ein rauchender Schorn-
stein noch etwas Positives war. Sie haben ihren großen Werkzeugkasten ausge-
packt, um bürgerschaftliches Engagement für die Umwelt – und damit die Geschäftsgrundlage der Umweltverbände – infrage zu stellen. Mal hintergründig, etwa mit parlamentarischen Anfragen mal ganz offen mit dem Holzhammer, wie bei den Angriffen auf das Verbandsklagerecht oder das Umweltbundesamt.
Und die Umweltbewegung selbst? Sie wirkt bisweilen, als hätte sie sich in der eigenen Hälfte eingerichtet. Man hat Strategiepapiere geschrieben, Podien bestiegen und sich gegenseitig versichert, dass man ja eigentlich recht hat.Doch jenseits davon ist eine andere Welt weiter gewachsen – eine, in der die Sorge um die Miete größer ist als die um den CO2₂-Fußabdruck, in der die Wut auf „die da oben“ jeden noch so gut gemeinten Appell an die Vernunft verschlingt.
Hinein in die Mitte
Die Verbände stehen vor einer paradoxen Aufgabe. Einerseits muss die Umweltbewegung ihre Themen als das darstellen, was sie sind: existenziell. Andererseits darf sie nicht so tun, als läge die Lösung schon auf dem Tisch. Die eigentliche Herausforderung liegt woanders: Wie erreicht man Menschen, die sich von einer vermeintlichen Öko-Elite unverstanden fühlen? Wie überzeugt man diejenigen, für die „sozial-ökologische Transformation“ nach einem langen Arbeitstag klingt wie ein schlechter Scherz? Und vor allem: Wie verhindert man, dass Umweltverbände selbst zu einer weiteren Blase werden? Es geht also nicht nur darum, die richtigen Antworten zu haben, sondern auch die richtigen Fragen zu stellen. Und zwar denjenigen, mit denen man sonst nur wenige Schnittmengen hat, die um Tofu einen Bogen machen und sich fragen, was die ganze Transformiererei ihnen eigentlich bringen soll.
Vielleicht liegt eine Antwort darin, sich selbst wieder als das zu begreifen, was die Umweltbewegung immer auch schon war: ein Ort der Integration, ein Scharnier zwischen den Welten. Zwischen Naturschützer:innen mit konservativem Wertekanon, die den Wald retten wollen, weil er ihnen Heimat bedeutet, und anarchischen Ökos, die barfuß ins nächste Klimacamp unterwegs sind. Die Umweltverbände waren immer dann am stärksten, wenn sie Brücken bauten – nicht nur zwischen Biotopen, sondern auch zwischen Menschen.
Darum haben wir uns auf den Weg gemacht. In den letzten Jahren standen wir mit Initiativen aus einkommensschwachen Milieus und Bewohner:innen des ländlichen Brandenburgs im Austausch und haben bei Veranstaltungen unterschiedliche Menschen zusammengebracht. Zugleich haben wir mit Kolleg:innen aus den Umweltverbänden gesprochen, um zu erfahren, wo ihre Arbeit derzeit an Grenzen stößt. Wir wollen keine Besserwisser sein – denn die waren schon früher in der Klasse unbeliebt. Wir wollen den Versuch machen, eine Art Bindeglied zwischen Berliner Umweltblase und Menschen jenseits der Ökoszene zu sein.
Dabei haben wir viel gelernt: Wie sich Eigenheimer-Wärmepumpen-Fördermillionen für Mieter:innen in heruntergekommenen Häusern anfühlen, warum erneuerbare Energien nicht mehr „sexy“ sind, wenn das ganze Dorf von Windrädern umzingelt ist und warum ausreichend Wurstbrote vom örtlichen Metzger die Grundlage für guten Austausch bilden können. Trendige Plastikwörter wie „Große Transformation“ oder „Shrinking Spaces“ sind dabei eigentlich nie gefallen.
Wir sind überzeugt: Sich selbst zu hinterfragen ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: es sollte routinemäßig geschehen – besonders dann, wenn das eigene „Geschäftsmodell” ins Wanken gerät. Denn es liegt im ureigenen Interesse der Umweltbewegung, ihren Kompass regelmäßig neu zu kalibrieren, damit Umweltschutz dauerhaft Gewicht hat.







