Alle Artikel in: bioökonomie-debatte

Bioökonomie-Frühstück im Deutschen Bundestag

Mitte Mai veranstaltete das Aktionsforum Bioökonomie ein parlamentarisches Frühstück mit Bundestagsabgeordneten, deren MitarbeiterInnen sowie VertreterInnen von Umwelt- und Entwicklungsverbänden im Deutschen Bundestag. Ziel war ein offener Austausch über die möglichen Chancen und Risiken der Bioökonomie. Die VerbändevertreterInnen stellten dabei eine Reihe von Problemen heraus, die sie in der aktuellen Bioökonomie-Politik ausmachten – das fehlende Adressieren des hohen Ressourcenverbrauches und die Förderung der Neuen Gentechnik ebenso wie die mangelhaften Beteiligungsmöglichkeiten von Zivilgesellschaft und BürgerInnen an der Diskussion. Auch auf den einseitigen Fokus der Bioökonomie-Politik auf technologische Lösungen statt auf gesellschaftliche Fragen wiesen sie hin. Auf der anderen Seite wurden die Potenziale der Bioökonomie, etwa für den Erhalt einer vielfältigen Landwirtschaft und die Entwicklung biobasierter Verpackungen, hervorgehoben und bemerkt, dass die Diskussion um Bioökonomie inzwischen auch in den Bundestagsfraktionen angekommen sei. Mehrfach wurde der Wunsch geäußert, bei diesem Thema stärker fraktionsübergreifend zusammenzuarbeiten. Im Anschluss entspann sich eine teils kontroverse Diskussion über konkrete Aspekte der Bioökonomie. Auf der einen Seite wurde die Notwendigkeit der Markteinführung neuer biobasierter Produkte hervorgehoben, andererseits auf die Grenzen der Effizienzsteigerung und der Substitution …

Svenja Schulze: “Ich kann die Kohlekraftwerke nicht einfach abschalten”

denkhausbremen-Diskussion mit Bundesumweltministerin Bei der Podiumsdiskussion von denkhausbremen mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze kam die ganze Bandbreite der aktuellen Umwelt- und Klimadiskussion auf dem Tisch. Auf der Veranstaltung, die von Bürgermeister Carsten Sieling mit einem Grußwort eröffnet wurde, machte die Ministerin deutlich, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit nur zusammen funktionieren. Frau Schulze betonte, das die SPD entgegen landläufiger Meinung das Thema Umweltschutz mit dem damaligen Kanzler Willy Brandt auf die politische Agenda gesetzt habe. Peter Gerhardt von denkhausbremen erklärte, dass die Transformation in eine klimafreundliche Bioökonomie nur gelingen kann, wenn die nötigen Veränderungen sozial gerecht geschultert werden. Wissenschaftlerin Sybille Bauriedl von der Universität Flensburg bemängelte an der aktuellen Klimadebatte, dass Positivbeispiele wie Klimacamps von Jugendlichen unterbelichtet blieben, und dass die Klagen über reiche SUV-Fahrer uns nicht weiter bringen. Dem widersprach der Philosoph und Schriftsteller Leander Scholz. Er betonte, dass die Armen definitiv eine bessere Klimabilanz hätten, als der finanziell bessergestellte Teil der Bevölkerung. Scholz forderte statt dessen einen „ökologischen Kommunitarismus“ ein. Dass die Klimadebatte facettenreich ist und hier verschiedene Wahrheiten parallel existieren, machten die Fragen der über …

Kirsten Tackmann, Linke: Bioökonomie ist Gesellschaftspolitik

Kirsten Tackmann im Gespräch mit denkhausbremen. Kirsten Tackmann sitzt seit 2005 für DIE LINKE im Deutschen Bundestag und ist als agrarpolitische Sprecherin ihrer Fraktion zuständig für Bioökonomie. denkhausbremen: Frau Tackmann, was verbinden Sie mit dem Begriff Bioökonomie? Kirsten Tackmann: In der aktuellen Diskussion bedeutet er schlicht den Ersatz fossiler Rohstoffe durch nachwachsende Rohstoffe, um das fossile Zeitalter hinter sich zu lassen. Durch die Ansiedlung des Themas beim Bundesforschungsministerium wird die Diskussion gleich sehr theoretisch und technologische Fragen stehen im Vordergrund. Das ist schade. Denn aus meiner Sicht geht es hier um viel mehr. Worum geht es Ihnen? Wir sollten dringend eine gesellschaftspolitische Debatte führen, an deren erster Stelle die Frage steht: Was brauchen wir eigentlich? Die Wachstumsdiskussion ist hier von zentraler Bedeutung. Mein Eindruck ist, dass wir gerade über den Ersatz fossiler Materialien diskutieren, die man eigentlich streichen sollte statt sie durch Biomasse zu ersetzen. Andernfalls würden wir die Natursysteme völlig überfordern. Wir sollten also nicht nur fragen, von welchen Rohstoffen sich das Wirtschaftssystem ernährt, sondern auch das System an sich in Frage stellen. Die …

Bioökonomie in Finnland: Nachhaltig oder fragwürdig?

Bioökonomie in Finnland: Nachhaltige Wirtschaftswende oder fragwürdige Entwicklung in grünem Deckmäntelchen? Von Moritz Albrecht Die Erwartungen an die Bioökonomie in Finnland müssen aus einem ganz anderem Blickwinkel als zum Beispiel die Erwartungen an die selbige in Deutschland betrachtet werden. Nach wirtschaftlich nicht besonders erfolgreichen Jahren, wird die Bioökonomie in Finnland vielerseits als Heilsbringerin und teilweise als das neue Nokia angepriesen, welche dem Land neuen wirtschaftlichen Aufschwung und grünes Wachstum bringen soll. Zudem ist die Bioökonomie in Finnland hauptsächlich forst-/holzbasiert und soll einer in den letzten Jahren doch eher gebeutelten und mit strukturellen Änderungen kämpfenden Forstwirtschaft wieder zu alter Stärke helfen und sie wieder ins Zentrum der finnischen Wirtschaftskraft bringen. Dazu muss gesagt werden, dass die Forstwirtschaft und ihre Großindustrie (Zellstoff, Papier, Sägewerke) in Finnland, in punkto nationaler Bedeutung und politischer Unterstützung, oder eher in Bezug auf politisches Hofieren relativ gut mit der deutschen Politik und deren freundschaftlichem Umgang mit der deutschen Autoindustrie zu vergleichen sind. Jedenfalls hat sich der Ausdruck Bioökonomie (Biotalous) in den letzten Jahren in Finnland schnell zu einem zentralen Stichwort entwickelt, welches …

Bioökonomie: Industrialisierungs-Turbo für die Landwirtschaft

Umwelt- und Entwicklungsverbände veröffentlichen Erklärung zur Bioökonomie Die Bioökonomie-Strategie der Bundesregierung birgt das Potential, Menschen- und Sozialrechte weiter auszuhöhlen und die Umweltzerstörung zu beschleunigen. Darauf weisen führende Umwelt- und Entwicklungsverbände zum Beginn der Grünen Woche in Berlin in einer gemeinsamen Erklärung hin. Bioökonomie wird nur dann zukunftsfähig sein, wenn sie mit einer sozial-ökologischen Transformation einhergeht. Dazu müsse der Rohstoffverbrauch dramatisch gesenkt werden, so die Verbände. Mithilfe der sogenannten Bioökonomie soll unsere erdöllastige, klimaschädliche Wirtschaft künftig vor allem auf nachwachsenden Rohstoffen basieren und somit “grüner” werden. Politik und Wirtschaft wollen jedoch wenig an den eigentlichen Strukturen unserer problematischen Produktionsweise ändern. Die Grüne Woche ist die international größte Agrarmesse. Hierbei spielt der Bioökonomie-Ansatz hintergründig eine große Rolle, denn die nachwachsenden Rohstoffe sollen vor allem durch die Land- und Forstwirtschaft produziert werden. Schon heute trägt die industrialisierte Landwirtschaft zum Verlust von Artenvielfalt und Klimawandel bei. Wenn in Zukunft Land- und Forstwirtschaft zusätzliche Biomasse für neue Geschäftsfelder der Industrie produzieren, geraten Ökosysteme weiter unter Druck. Darüber hinaus verschärfen sich auch soziale Konflikte im globalen Süden. Die Erklärung ist insbesondere …

Hans-Jürgen Thies, CDU: Rohstoffimporte für Bioökonomie vermeiden

Hans-Jürgen Thies im Gespräch mit denkhausbremen. Hans-Jürgen Thies ist für die CDU im Deutschen Bundestag und ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft.  denkhausbremen: Was verbinden Sie mit Bioökonomie? Hans-Jürgen Thies: Global denken, lokal handeln. Es ist zwar schon ein bisschen abgedroschen, hat aber an Gültigkeit nichts verloren. Wir müssen als hochentwickeltes Land eine Vorreiterrolle bei der Bioökonomie spielen. Wir haben durchaus viele Ressourcen im wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich, um neue Wege anzugehen. Daher kommt uns eine besondere Verantwortung zu. Als hochentwickelte Industrienation verbrauchen wir natürlich auch mehr Ressourcen als Länder, die sich noch in der Entwicklung befinden. Darüber hinaus müssen wir konkrete Ziele definieren, damit wir wissen, welche Wege wir einschlagen müssen. Nennen Sie doch mal ein konkretes Ziel als Beispiel… Es ist zwar banal, aber wir müssen erreichen, dass das Leben auf unserer Erde auch noch in 100 oder 200 Jahren für die Menschen lebenswert ist. Weitere Zeitsprünge auf 500 oder 1.000 Jahre wage ich nicht zu beschreiten. Ich komme selbst aus der Landwirtschaft, habe hier Jahrzehnte Erfahrung und weiss, dass es in Land- und …

Harald Ebner, Grüne: Lobbymacht der Wirtschaft bei Bioökonomie ausgleichen

Harald Ebner im Gespräch mit denkhausbremen. Ebner ist seit 2011 für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher seiner Fraktion für Bioökonomie-, Gentechnik- und Waldpolitik. denkhausbremen: Wie schätzen Sie die aktuelle Diskussion zum Thema Bioökonomie ein? Harald Ebner: Es gibt gar nicht so viele Leute, die sich damit auskennen. Das fängt schon mit der Frage an: Was ist überhaupt Bioökonomie? Ich sage dann immer: Alles was mit biobasierter Wirtschaft zu tun hat. Das ist ein sehr weiter Oberbegriff, der schnell zu Missverständnissen führen kann. Eröffnet die Bioökonomie-Debatte eher Chancen oder überwiegen die Risiken? Jede Interessengruppe nutzt einen unklaren Begriff wie Bioökonomie für ihr Anliegen, Forschungsmodell oder wirtschaftliches Geschäftsmodell. Egal, über welchen Teil von Bioökonomie ich mich unterhalte, im Zentrum steht doch, dass wir unsere Wirtschaft auf die postfossile Zeit vorbereiten müssen. Wir müssen Bioökonomie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betreiben, nur dann ergibt sie Sinn. Was verstehen Sie konkret unter Nachhaltigkeit? Bioökonomie heißt, dass ich in einer biobasierten Wirtschaft alle Rohstoffe und Energie mit biologischen Prozessen zur Verfügung stelle. Das hängt mit Anbau- und …

Rainer Spiering, SPD: Regionale Egosimen bei der Transformation überwinden

Rainer Spiering im Gepräch mit denkhausbremen. Seit 2013 ist er für die SPD im Bundestag und in dieser Legislaturperiode wurde er in seiner Fraktion zum Sprecher der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft gewählt.  denkhausbremen: Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie das Wort Bioökonomie hören? Sehen Sie eher Chancen oder Risiken? Rainer Spiering: Der Begriff Bioökonomie ist innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Betriebs entglitten und zu einem Zauberwort geworden, in das man alles reinpackt, was man glaubt reinpacken zu müssen. Wenn wir uns wieder darauf fokussieren würden, dass wir nachwachsende Rohstoffe für Produkte mit geringeren CO2-Emissionen verwenden, dann sind wir am richtigen Punkt. Historisch betrachtet hat der Kohlebergbau sehr lange einen großen Mehrwert für die Bevölkerung geschaffen. Nach dem zweiten Weltkrieg führte der Bergbau besonders im Ruhrgebiet zu großem wirtschaftlichen Erfolg. Über 20 Jahre lang hat diese Region den Rest der Republik mit ernährt. Den Transformationsprozess – weg von der Kohle im Ruhrgebiet – hätte man durchaus früher steuern können. Wenn heute dagegen andere Regionen wirtschaftlich erfolgreich mit regenerativen Energien sind, dann sollten sie auch weitere Landesteile …

Franz-Theo Gottwald: Industrielle Bioökonomie ist ein totalitärer Ansatz

Franz-Theo Gottwald ist Honorarprofessor, Lehrbeauftragter, Autor zahlreicher Publikationen und Vorstand der Schweisfurth Stiftung. In seinem Buch „Irrweg Bioökonomie“ kritisiert er  – gemeinsam mit Anita Krätzer – die Bioökonomie-Stragegie der Bundesregierung und warnt vor einer weiteren Ökonomisierung der Natur.    denkhausbremen: Die Industrie macht sich im Zuge der Bioökonomie-Debatte endlich Gedanken um einen Ausstieg aus den fossilen Energien und den Umstieg auf biogene Rohstoffe. Nun kommt die Umweltbewegung schon wieder daher und kritisiert das? Was würden sie dem entgegnen? Franz-Theo Gottwald: Ich glaube es gibt sehr wenig Verbindendes zwischen agrarökologischen Zukunftsvorstellungen und einem industriell bioökonomischen Leitbild. Zu dem Wenigen gehört, dass es für alle in Zukunft um eine postfossile oder gar klimapositive Landwirtschaft gehen muss. Angesichts der derzeitigen Klimaschäden, die die industrielle Landwirtschaft zu verantworten hat, ist es ja im Grundsatz gut, dass es zumindest eine gemeinsame Stoßrichtung gibt: den Schutz des Klimas. Danach gibt es aber die große Divergenz zwischen intensivierter Landnutzung zu Zwecken der Biomassemehrung und den Umwelt- oder Naturschutzzielen. Was meinen Sie mit der großen Divergenz? Agrarökologische Arbeit beruht auf dem Respekt vor …

Bioökonomie – die neue Nebelwand aus der PR-Abteilung

Was haben Biobäuerin und Chemiekonzern gemeinsam? Beide machen in Zukunft Bioökonomie – zumindest, wenn es nach den Strategen der Industrie geht. Diese fassen die Klammer weit, um möglichst viel unter dem Oberbegriff “Bioökonomie” abhandeln zu können – oder sollte man besser sagen, verschleiern zu können? Bioökonomie ist demnach “die Erzeugung und Verwertung biologischer Ressourcen für Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems.” Mehr geht nicht. Dahinter könnte die Absicht stecken, Genmais à la Monsanto mit einer bioökonomischen Tarnkappe auszustatten. Und so durch die Hintertür auf die Äcker der Republik zu bringen, obwohl der in der Bevölkerung so beliebt ist wie Fußpilz. So gesehen müssten in den PR-Abteilungen der Chemie-Giganten eigentlich die Sektkorken knallen, wenn der Begriff “Bioökonomie” möglichst inflationär in Umlauf kommt. Eine Industrie mit chronischen Akzeptanzproblemen bekäme so eine Glaubwürdigkeits-Frischzellenkur, weil diese mit dem Ökobauer in einen Bioökonomie-Topf geworfen würde. Die Klammer Bioökonomie wird vom PR-Sprech der Lobby noch weiter genutzt: “Die Menschheit macht ja schon immer Bioökonomie”, so geht der Singsang bei einem weiteren semantischen Kunstgriff, um …