Autor: peter

Harald Ebner: Lobbymacht der Wirtschaft bei Bioökonomie ausgleichen

Harald Ebner im Gespräch mit denkhausbremen. Ebner ist seit 2011 für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher seiner Fraktion für Bioökonomie-, Gentechnik- und Waldpolitik. denkhausbremen: Wie schätzen Sie die aktuelle Diskussion zum Thema Bioökonomie ein? Harald Ebner: Es gibt gar nicht so viele Leute, die sich damit auskennen. Das fängt schon mit der Frage an: Was ist überhaupt Bioökonomie? Ich sage dann immer: Alles was mit biobasierter Wirtschaft zu tun hat. Das ist ein sehr weiter Oberbegriff, der schnell zu Missverständnissen führen kann. Eröffnet die Bioökonomie-Debatte eher Chancen oder überwiegen die Risiken? Jede Interessengruppe nutzt einen unklaren Begriff wie Bioökonomie für ihr Anliegen, Forschungsmodell oder wirtschaftliches Geschäftsmodell. Egal, über welchen Teil von Bioökonomie ich mich unterhalte, im Zentrum steht doch, dass wir unsere Wirtschaft auf die postfossile Zeit vorbereiten müssen. Wir müssen Bioökonomie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betreiben, nur dann ergibt sie Sinn. Was verstehen Sie konkret unter Nachhaltigkeit? Bioökonomie heißt, dass ich in einer biobasierten Wirtschaft alle Rohstoffe und Energie mit biologischen Prozessen zur Verfügung stelle. Das hängt mit Anbau- und …

Rainer Spiering, SPD: Regionale Egosimen bei der Transformation überwinden

Rainer Spiering im Gepräch mit denkhausbremen. Seit 2013 ist er für die SPD im Bundestag und in dieser Legislaturperiode wurde er in seiner Fraktion zum Sprecher der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft gewählt.  denkhausbremen: Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie das Wort Bioökonomie hören? Sehen Sie eher Chancen oder Risiken? Rainer Spiering: Der Begriff Bioökonomie ist innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Betriebs entglitten und zu einem Zauberwort geworden, in das man alles reinpackt, was man glaubt reinpacken zu müssen. Wenn wir uns wieder darauf fokussieren würden, dass wir nachwachsende Rohstoffe für Produkte mit geringeren CO2-Emissionen verwenden, dann sind wir am richtigen Punkt. Historisch betrachtet hat der Kohlebergbau sehr lange einen großen Mehrwert für die Bevölkerung geschaffen. Nach dem zweiten Weltkrieg führte der Bergbau besonders im Ruhrgebiet zu großem wirtschaftlichen Erfolg. Über 20 Jahre lang hat diese Region den Rest der Republik mit ernährt. Den Transformationsprozess – weg von der Kohle im Ruhrgebiet – hätte man durchaus früher steuern können. Wenn heute dagegen andere Regionen wirtschaftlich erfolgreich mit regenerativen Energien sind, dann sollten sie auch weitere Landesteile …

Bioökonomie: Noch mehr Hunger nach Waldprodukten

Beitrag von László Maráz. Er ist u.a. Koordinator der Plattform Wald beim Forum Umwelt und Entwicklung und Mitbegründer der Organisation Pro Regenwald. Holz, Fasern, Öle, Eiweiße, Stärke und Zucker aus dem Wald und der Landwirtschaft gelten im Rahmen der Bioökonomie als die wichtigsten Materialien, die fossile Rohstoffe ersetzen sollen. Mit der Begründung, die Wirtschaft unabhängiger von fossilen Energieträgern zu machen, werden Milliarden an Forschungsgeldern bereitgestellt, um neue Anwendungsmöglichkeiten auch für Biomasse aus Wäldern zu entwickeln. Dabei wird zuweilen der Eindruck erweckt, Wälder böten ein riesiges und noch ungenutztes Potenzial, das man mithilfe neuer Technologien nur noch in Wert setzen müsse, um den wachsenden Rohstoffhunger zu stillen. Wälder und fruchtbare Ackerflächen sind aber eine knappe Ressource. Die meisten Wald- und Agrarprodukte werden bereits heute für andere Zwecke verbraucht. Eine Ausweitung der Produktion stößt an harte ökologische, soziale und wirtschaftliche Grenzen. Beispiel Bioraffinerie: Chemiefabrik auf Holzbasis Bioraffinerien gelten als einer der Hoffnungsträger im Zukunftsmarkt der Bioökonomie. So wurde am ehemaligen Petrochemie-Standort Leuna eine Pilotanlage errichtet, die aus Holz verschiedene chemische Grundstoffe herstellt. Dafür wird das Holz mit Wasser …

Franz-Theo Gottwald: Industrielle Bioökonomie ist ein totalitärer Ansatz

Franz-Theo Gottwald ist Honorarprofessor, Lehrbeauftragter, Autor zahlreicher Publikationen und Vorstand der Schweisfurth Stiftung. In seinem Buch „Irrweg Bioökonomie“ kritisiert er  – gemeinsam mit Anita Krätzer – die Bioökonomie-Stragegie der Bundesregierung und warnt vor einer weiteren Ökonomisierung der Natur.    denkhausbremen: Die Industrie macht sich im Zuge der Bioökonomie-Debatte endlich Gedanken um einen Ausstieg aus den fossilen Energien und den Umstieg auf biogene Rohstoffe. Nun kommt die Umweltbewegung schon wieder daher und kritisiert das? Was würden sie dem entgegnen? Franz-Theo Gottwald: Ich glaube es gibt sehr wenig Verbindendes zwischen agrarökologischen Zukunftsvorstellungen und einem industriell bioökonomischen Leitbild. Zu dem Wenigen gehört, dass es für alle in Zukunft um eine postfossile oder gar klimapositive Landwirtschaft gehen muss. Angesichts der derzeitigen Klimaschäden, die die industrielle Landwirtschaft zu verantworten hat, ist es ja im Grundsatz gut, dass es zumindest eine gemeinsame Stoßrichtung gibt: den Schutz des Klimas. Danach gibt es aber die große Divergenz zwischen intensivierter Landnutzung zu Zwecken der Biomassemehrung und den Umwelt- oder Naturschutzzielen. Was meinen Sie mit der großen Divergenz? Agrarökologische Arbeit beruht auf dem Respekt vor …

Bioökonomie – die neue Nebelwand aus der PR-Abteilung

Ein persönlicher Debattenbeitrag von Peter Gerhardt Was haben Biobäuerin und Chemiekonzern gemeinsam? Beide machen in Zukunft Bioökonomie – zumindest, wenn es nach den Strategen der Industrie geht. Diese fassen die Klammer weit, um möglichst viel unter dem Oberbegriff “Bioökonomie” abhandeln zu können – oder sollte man besser sagen, verschleiern zu können? Bioökonomie ist demnach “die Erzeugung und Verwertung biologischer Ressourcen für Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems.” Mehr geht nicht. Dahinter könnte die Absicht stecken, Genmais à la Monsanto mit einer bioökonomischen Tarnkappe auszustatten. Und so durch die Hintertür auf die Äcker der Republik zu bringen, obwohl der in der Bevölkerung so beliebt ist wie Fußpilz. So gesehen müssten in den PR-Abteilungen der Chemie-Giganten eigentlich die Sektkorken knallen, wenn der Begriff “Bioökonomie” möglichst inflationär in Umlauf kommt. Eine Industrie mit chronischen Akzeptanzproblemen bekäme so eine Glaubwürdigkeits-Frischzellenkur, weil diese mit dem Ökobauer in einen Bioökonomie-Topf geworfen würde. Die Klammer Bioökonomie wird vom PR-Sprech der Lobby noch weiter genutzt: “Die Menschheit macht ja schon immer Bioökonomie”, so geht der Singsang …

denkhausbremen startet Bioökonomie-Projekt

Das Zeitalter der fossilen Rohstoffe neigt sich dem Ende zu. Auch der Vorrat an weiteren Bodenschätzen ist endlich und erschöpft sich zusehends. Die Menschheit wird verstärkt auf nachwachsende Rohstoffe zurückgreifen müssen. Für eine mit biogenen Ressourcen gespeiste Wirtschaft hat sich der Begriff Bioökonomie etabliert. Auf nationaler und europäischer Ebene haben Politik und Wirtschaft bereits finanziell großzügig ausgestattete Forschungsprogramme implementiert und Bioökonomie-Strategien erarbeitet. Die Diskussionen über politischen Weichenstellungen und die Formulierung von Forschungszielen finden bislang weitgehend exklusiv in wissenschaftlichen Fachkreisen statt. Bis auf wenige Ausnahmen sind die bundesdeutschen Umwelt- und Entwicklungsverbände dort nur rudimentär eingebunden. Auch die Einrichtung eines Bioökonomierates konnte die NGO-Partizipation nicht maßgeblich steigern. Es ist zu befürchten, dass eine mögliche Bioökonomie die Ökonomisierung der Natur weiter vorantreibt und biogene Ressourcen auf ihren wirtschaftlichen Nutzen reduziert. Damit einher geht die Gefahr einer kontinuierlichen Expansion von industrieller Land- und Forstwirtschaft zu Lasten des Umweltschutzes. Zudem bringt der Rückgriff auf Biomasse nicht zwangsläufig einen sparsamen Ressourceneinsatz mit sich. Die notwendige ökologische Transformation kann nur gelingen, wenn fossile Rohstoffe nicht einfach eins zu eins durch biogene Rohstoffe …

Andreas Siemoneit: Leistungsloses Einkommen abschaffen

Andreas Siemoneit ist Physiker und Wirtschaftsingenieur. Er arbeitet als Software-Architekt und Berater in Berlin. In einem privaten sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt befasst er sich mit vermuteten „Wachstumszwängen“ und einer Anthropologie des ökonomischen und politischen Prozesses aus einer liberalen und marktfreundlichen Perspektive. Er ist Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Fördervereins Wachstumswende.   denkhausbremen: Warum sind so viele Menschen in der Wachstumslogik verhaftet? Andreas Siemoneit: Wachstum ist auf der persönlichen Ebene durchaus eine sinnvolle Strategie. Menschen, die mehr haben, können letztlich mehr machen und haben bessere Chancen im Leben und für ihre Kinder. Auch Unternehmen, die wachsen, stehen in der Regel besser da als Unternehmen, die nicht wachsen. Die Wachstumslogik ist also eine sehr attraktive Option. Auf Dauer ist jedoch Wachstum für alle nicht möglich. Ist der Förderverein Wachstumswende, in dem Sie sich im Vorstand engagieren, ein Frontalangriff auf diese Logik? Ja und nein. Wenige stellen in Frage, dass ein wirtschaftliches Wachstum, das auf hohem Ressourcenverbrauch basiert, so ewig weitergehen kann. Als politisches Ziel ist Wachstum jedoch immer noch stark präsent, da viele glauben, dass man nur über Wachstum soziale …

Julika Tribukait: Globale Gerechtigkeit in den Fokus rücken

Julika Tribukait arbeitet für den WWF  als Projektkoordinatorin für Mangroven im Bereich Meeresschutz. Davor war sie in der Entwicklungszusammenarbeit und der Politikberatung im In- und Ausland beschäftigt und hat zu verschiedenen Umweltthemen wie Wasser und Abfall gearbeitet.   denkhausbremen: Wie sind Sie zum Umweltschutz und zu Ihrem Job beim WWF gekommen? Julika Tribukait: Ich habe Geografie studiert, wobei meine Herzensangelegenheit immer die Schnittstelle Mensch-Umwelt war. Danach war ich zunächst in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und habe mich bisher Umweltthemen aus der Entwicklungsperspektive genähert. Jetzt arbeite ich erstmalig für eine Umweltschutz-Organisation. In den Umweltverbänden steht die ökologische Perspektive im Vordergrund. Hier ist es wichtig die sozialen und entwicklungspolitischen Aspekte dennoch ausreichend mitzudenken. Belichtet die Umweltbewegung die Bereiche Menschenrechte und Soziales unter? Meiner Meinung nach sind Umweltfragen und soziale Fragen untrennbar miteinander verbunden. Früher vermittelten die Umweltverbände häufig das Bild, dass die Natur dann gut und geschützt sei, wenn der Mensch darin so wenig wie möglich vorkommt. Das kann aber kein langfristiger Ansatz sein. Dieses Bild ändert sich zunehmend und soziale Faktoren werden bei aktuellen Projekten viel stärker mitgedacht. …

Nina Treu: Die Degrowth-Bewegung ist fast noch gar nicht institutionalisiert

Nina Treu ist Mitbegründerin des Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig und koordiniert aktuell die Degrowth-Sommerschule 2018.  denkhausbremen: Die Umweltverbände blicken auf eine lange Verbandsgeschichte zurück und haben sich zunehmend professionalisiert. Wie schätzt Du die Umweltbewegung ein? Nina Treu: Aus meiner Sicht sind die großen Umweltverbände immer noch relevante Player. Sie setzen u.a. noch zahlreiche Dinge im Bereich Umweltbildung- und -gesetzgebung um, die man nicht unterschätzen sollte. Sie sollten jedoch darauf achten, dass sie nicht zu systemimmanent und reformerisch werden. Sie sollten Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch sehen, sondern Soziales und Ökologisches zusammen denken. Wie sieht das denn in der Postwachstumsbewegung aus? Gibt es hier nicht auch schon Machtstrukturen und Alphatiere? Zunächst ist die Frage, von wem man spricht. Die Umweltverbände lassen sich leicht einrahmen, bei der Degrowth-Bewegung ist das viel schwieriger. Einzelpersonen, die unter dem Label Postwachstum auftreten, kann man daher nicht mit offiziellen Sprecher*innen von Umweltverbänden vergleichen. Meiner Meinung ist die Degrowth-Bewegung fast noch gar nicht institutionalisiert. Das Konzeptwerk macht zwar viele Projekte im Bereich Degrowth. Die Ausgestaltung der Projekte verläuft jedoch sehr basisdemokratisch. Die …

Harald Welzer: Wen interessiert denn der rechte Rand?

denkhausbremen: Was halten Sie vom Paradigma des stetigen Wachstums? Harald Welzer: Nichts. Unsere Probleme, die jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts überdeutlich werden, bestehen im Wesentlichen in der Übernutzung der vorhandenen Ressourcen infolge eines fortgesetzten Wirtschaftswachstums. Das geht auf die expansive Kultur eines kleinen Teils der Welt zurück. Wir sind in einer globalen Situation, die dem Wachstumspfad folgt – und die Folgen sind erwartbar dramatisch. Welche Maßnahmen sollten konkret implementiert werden, um der von Ihnen geschilderten Entwicklung Rechnung zu tragen? Implementieren wird man das nicht können. Es geht um einen politischen und kulturellen Wandel – da kann man jetzt nicht einfach Maßnahmen aus dem Hut zaubern. Wir benötigen dringend politische Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Wirtschaften fördern. Es muss aufhören, immer noch mehr Konsumartikel an den Mann und an die Frau zu bringen und weitere Infrastrukturen bereitzustellen sowie höhere Energieaufwände zu produzieren. Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen müssten von staatlicher Seite Vorteile genießen. Konkret benötigen wir eine steuer- und ordnungspolitische Neuausrichtung sowie eine nachhaltige öffentliche Beschaffung. Für mich gibt es z.B. keine Rechtfertigung, warum die Automobilindustrie ein Tempolimit auf …