Alle Artikel in: Soziale Gerechtigkeit

Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen: “Wir sind keine Stellvertreter, sondern vertreten unsere Interessen selbst.”

Gudrun Steenken und Joachim Barloschky vom Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen im Gespräch mit denkhausbremen. Gudrun Steenken ist psychologische Psychotherapeutin und war in zahlreichen Leitungsfunktionen in der bremischen evangelischen Kirche tätig. Joachim Barloschky war langjährig in der APO- und Friedensbewegung engagiert und als Quartiersmanager der Großsiedlung Tenever aktiv. Beide gehören zu den Gründungsmitgliedern des Aktionsbündnisses.  Wie wurde das Aktionsbündnis ins Leben gerufen? Gudrun Steenken: Ich habe viele Jahre bei einer evangelischen Beratungsstelle gearbeitet und blickte von meinem Arbeitszimmer auf die Domsheide-Kreuzung, einem zentralen Verkehrsknotenpunkt in Bremen. Aus dieser Perspektive lernte ich viele Menschen, die dort leben und Flaschen sammeln, vom Sehen kennen. Als ich in Rente ging, öffnete die Liebfrauengemeinde ab Winter 2010 die Kirche für arme und obdachlose Menschen. Das war für eine etablierte Innenstadt-Gemeinde nicht selbstverständlich. Wir Bürgerlichen haben nicht nur Kaffee und Brot verteilt, sondern kamen mit den Menschen ins Gespräch. So lernte ich meine Fensterbekanntschaften richtig kennen. Das war für mich sehr sinnstiftend. Diese “Winterkirche” war eingebettet in ein gemeinsames Projekt der Bremischen Evangelischen Kirche “Armut und Reichtum in der Stadt”. …

BiKo: Gemeinsam erschließen wie die Welt besser sein könnte…

Das BildungsKollektiv (BiKo) aus Erfurt im Gespräch mit denkhausbremen. Das BiKo wurde vertreten von Michel, der seit den Anfängen des BiKo dabei ist, und Walter, der vor zehn Jahren dazu gestoßen ist. denkhausbremen: Gebt uns doch mal einen Einblick wie das BiKo entstanden ist? Michel: Vor mehr als 20 Jahren war ich in einer globalisierungskritischen Hochschulgruppe aktiv. Irgendwann haben wir Leute von einem Wohnprojekt auf einem kleinen Dorf in der Nähe von Erfurt kennengelernt. Die haben uns angeboten, Seminare und Veranstaltungen bei ihnen durchzuführen. Das haben wir dann Ende der 1990er-Jahre gemacht und es war eine schöne Kooperation zwischen einer eher jungen, radikalen Szene aus der Stadt und den Leuten aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung auf dem Land. Sowohl das Wohnprojekt als auch die Politgruppe haben sich Anfang der 2000er-Jahre gespalten und aus den Resten hat sich das Bildungskollektiv zusammengeschlossen. Thematisch bearbeiten wir nicht nur große, sondern gerne auch «Gänseblümchen-Themen» Wir gucken nicht in erster Linie wo es gerade Gelder gibt, sondern was uns interessiert und wo es in unserem Umfeld Interesse oder Bedürfnisse gibt. Durch Eure …

Ottmar Miles-Paul (ISL): Wenn es eine Selbstvertretung behinderter Menschen nicht gab, mussten wir das halt selbst gründen.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) ist die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen mit Sitz in Kassel. denkhausbremen hat mit dem langjährigen Aktiven und ISL-Projektkoordinator Ottmar Miles-Paul im Februar 2020 vor Ort dieses Gespräch geführt. denkhausbremen: Wie sind Sie zu Ihrem Engagement bei der ISL gekommen? Ottmar Miles-Paul: Das ist schon ungefähr 33 Jahre her. Ich kam aus meiner Arbeiterfamilie in einem schwäbischen Dorf nach Kassel zum Studium. Wir befinden uns Behinderten-politisch im Umfeld Mitte der 80er Jahre: Das „Gepäckwagen-Zeitalter“ bei der Deutschen Bahn, in dem Rollstuhlfahrer*innen im Gepäckabteil des Zuges befördert wurden, hatten wir schon überwunden. In Kassel gab es damals eine (!) Blindenampel, sonst gab es für Sehbehinderte wie mich fast nichts. Eine Selbstvertretung behinderter Menschen gab es schon gar nicht. Es gab nur einen „Betüddel-Verein“ Behinderte und ihre Freunde; das war im Grunde der vom Gesundheitsamt betreute Kaffeetrink-Verein. Ich habe als Seh- und Hörbehinderter schnell gemerkt, dass man aneckt mit seiner Behinderung und die Alltagsgestaltung doch schwer sein kann. Ich habe mich daher mit einigen Mitstudenten mit …

Sylvia Brennemann (Mieterinit. Marxloh): 1500 Menschen haben ihren Wohnraum erhalten!

Die beiden Bürgerinitiativen “Gegen den Häuserabriss in Duisburg-Marxloh” und “Mieterinitiative Zinkhüttensiedlung Duisburg” konnten nach ihren Angaben den Wohnraum von insgesamt 1.500 Betroffenen vor Ort erhalten. denkhausbremen hat mit Sylvia Brennemann, die maßgeblich diese Initiativen mitkoordiniert hat, dieses Gespräch geführt. Das Interview fand am 18. November 2019 im Sozialpastoralen Zentrum Petershof in Duisburg-Marxloh statt. denkhausbremen: Wie entstand das Engagement der Betroffenen in Duisburg-Marxloh gegen den Abriss ihrer Häuser? Sylvia Brennemann: In 2003 kam das Projekt “Grüngürtel Duisburg-Nord”, das von Thyssenkrupp und der öffentlichen Hand (Stadt, Land NRW, Bund und EU) getragen wurde. Für die Schaffung von neuen Grünflächen sollte gut ein Fünftel aller Gebäude hier in Marxloh dem Erdboden gleich gemacht werden. Da haben wir mit einer aktiven Gruppe von Marxloher*innen gemeinsam mit den konkret betroffenen Menschen diesen Flächenabriss verhindert. denkhausbremen: Wie sah der Widerstand gegen dieses Projekt konkret aus? Sylvia Brennemann: Eine Gruppe alteingesessener Marxloher*innen hat einfach die Wut gepackt. Wir sind dann gemeinsam durch die betroffenen Straßen gegangen, haben Flyer verteilt, auf den die Kontaktdaten der zuständigen Bezirksvertreter*innen aufgelistet waren, mit dem Hinweis: “an …

Barbara Hendricks: Umweltverbände starren zu stark auf eine hohen CO2-Preis

Barbara Hendricks im Gespräch mit denkhausbremen. Die ehemalige Bundesumweltminsterin und SPD-Bundestagsabgeordnete erläutert die Versäumnisse der SPD in der Klimapolitik, spricht über soziale Gerechtigkeit beim Klimaschutz und den Einsatz von Biomasse bei der Energieerzeugung. Foto: © Deutscher Bundestag/ Inga Haar. denkhausbremen: Hat der Klima-Zeitgeist die SPD kalt erwischt? Was ist Ihre Analyse? Barbara Hendricks: Ja, das ist bedauerlicherweise so. In meiner Amtszeit als Bundesumweltministerin habe ich durchaus Unterstützung von den Fachpolitiker*innen gehabt, aber keinen ausreichenden Rückenwind aus meiner Partei. Das ist ein klares Versäumnis der SPD, das hätten wir ein paar Jahre früher deutlich machen können. Wenn ich das mal für mich in Anspruch nehme, war ich ja durchaus das Gesicht für den Klimaschutz nach dem Pariser Klimaabkommen. Das hat sich die SPD aber nicht zunutze gemacht – auch in den Folgejahren 2016 bis 2018. Wie bewerten Sie das aktuelle Klimaschutzpaket der Groko?  Ich war am Anfang sehr skeptisch, habe mir das alles aber nochmals in Ruhe angesehen. Natürlich hätte man mit einem höheren Einstiegspreis bei CO2 anfangen können, dann hätten aber auch die Entlastungen anders sein …

Die Zukunft gehört allen!

Die Zukunft gehört allen! Von Michael Gerhardt und Peter Gerhardt “Die Kultivierung der Abstiegsangst seit der Einführung der SGB II-Gesetze (Hartz 4)  hat viel Schaden an der Demokratie angerichtet.” Diese kluge Analyse stammt nicht etwa von einem renommierten Thinktank, sondern von der Initiative Armutsnetzwerk aus Berlin. Unsere Gesellschaft ist deshalb gut beraten, nicht nur der gerade sehr lauten Klimabewegung zuzuhören, wenn zentrale Zukunftsfragen öffentlich verhandelt werden… An vielen Stellen unserer Gesellschaft wird derzeit diskutiert, wie wir in Zukunft leben wollen und welchen Lebensstil unser Planet überhaupt noch zulässt. In vermeintlichen Fachkreisen heißt das dann die sozial-ökologische Transformation. Zahlreiche Parteien und Verbände organisieren dazu in schöner Regelmäßigkeit hochkarätig besetzte Konferenzen. Politische Profiteure davon sind vor allem Die Grünen, die in aktuellen Umfragen gar als Kanzlerpartei gehandelt werden. Schüler*innen protestieren als „Fridays For Future“-Bewegung lautstark in unseren Metropolen für mehr Klimaschutz und sorgen damit für zusätzlichen Dampf im Kessel. Alle diese Protagonisten sind gut organisiert, bestens vernetzt und sorgen derzeit in Medien und Öffentlichkeit für größtmögliche Aufmerksamkeit. Eine Bevölkerungsgruppe wird an dieser Zukunftsdiskussion kaum aktiv beteiligt: Menschen …

Gastbeitrag im Weserkurier über erfolgreiche Klimapolitik

Langfristig erfolgreiche Klimapolitik geht nur gerecht Gastkommentar im Weserkurier über Klimapolitik von Peter Gerhardt,  31.05.2019 Fossile Energie muss teurer werden und Billigflieger sollen nicht mehr starten – Klimapolitik über den Geldbeutel, bei der die soziale Frage ausgeblendet wird, ist schädlich, warnt Gastautor Peter Gerhardt. Ungerechte Klimapolitik hat die Kraft, unsere Gesellschaft weiter zu spalten. Richtig gemacht, kann sie aber auch der Leitfaden für eine neue Gemeinschaftlichkeit sein. Damit wir beim Klimaschutz mit breiter Akzeptanz vorankommen, wäre es jetzt wichtig, die Diskussion nicht auf eine CO2-Steuer zu verengen. Ein Blick über den klimapolitischen Tellerrand machte schnell deutlich, dass es noch weitere bedeutende Baustellen gibt: ungebremstes Artensterben, Rohstoffknappheit und vor allem eine soziale Schere, die sich weiter dramatisch öffnet. Klimapolitik muss auch diese Probleme adressieren, wenn sie nachhaltig erfolgreich sein will. Leider ist das gerade nicht der Fall. Vor allem Klimapolitik über den Geldbeutel, bei der die soziale Frage ausgeblendet wird, geistert als laute Forderung durch die aktuellen politischen Debatten. Das klingt dann zum Beispiel so: Fossile Energie muss teurer werden und Billigflieger sollen nicht mehr starten. …

„Menschen mit Armutserfahrung als Experten der eigenen Situation anerkennen“

Zur Abschlussveranstaltung des Projekts „Zukunftslabore von unten“ unter dem Motto “Wie einkommensschwache Menschen sich selbst organisieren, selbst vertreten und so an der Gesellschaft teilhaben…“ konnte das denkhausbremen-Projektteam zahlreiche Vertreter*innen der am Projekt beteiligten Initiativen am Mittwoch, 08. Mai 2019, in Bremen begrüßen. Die Aktiven der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen, des Armutsnetzwerks sowie von ALSO Oldenburg diskutierten gemeinsam mit interessierten Bürger*innen und Bremer Politiker*innen den Themenbereich Partizipation und Engagement von Menschen mit geringem Einkommen. Nach einem Grußwort durch die Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft, Antje Grotheer, gab Projektleiter Michael Gerhardt in einem Impulsreferat einen Überblick über die Projektergebnisse und stellte die im Projektverlauf besuchten Initiativen vor. „Wichtig ist als erster Schritt eine veränderte Selbstwahrnehmung und öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit Armutserfahrung – als kompetente Akteure, und nicht als Betroffene oder Opfer“, betonte Michael Gerhardt. Dazu müsse ein niederschwelliger Zugang zu politischer Bildung für Menschen mit wenig Einkommen gewährleistet werden, damit eine Selbstermächtigung erfolgen könne. Darüber hinaus sei es notwendig, dass eine Initiative eine stabile Gruppe von Aktiven habe, die sich langfristig mit einem Kernthema beschäftige. Ferner sei dann …

Svenja Schulze: “Ich kann die Kohlekraftwerke nicht einfach abschalten”

denkhausbremen-Diskussion mit Bundesumweltministerin Bei der Podiumsdiskussion von denkhausbremen mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze kam die ganze Bandbreite der aktuellen Umwelt- und Klimadiskussion auf dem Tisch. Auf der Veranstaltung, die von Bürgermeister Carsten Sieling mit einem Grußwort eröffnet wurde, machte die Ministerin deutlich, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit nur zusammen funktionieren. Frau Schulze betonte, das die SPD entgegen landläufiger Meinung das Thema Umweltschutz mit dem damaligen Kanzler Willy Brandt auf die politische Agenda gesetzt habe. Peter Gerhardt von denkhausbremen erklärte, dass die Transformation in eine klimafreundliche Bioökonomie nur gelingen kann, wenn die nötigen Veränderungen sozial gerecht geschultert werden. Wissenschaftlerin Sybille Bauriedl von der Universität Flensburg bemängelte an der aktuellen Klimadebatte, dass Positivbeispiele wie Klimacamps von Jugendlichen unterbelichtet blieben, und dass die Klagen über reiche SUV-Fahrer uns nicht weiter bringen. Dem widersprach der Philosoph und Schriftsteller Leander Scholz. Er betonte, dass die Armen definitiv eine bessere Klimabilanz hätten, als der finanziell bessergestellte Teil der Bevölkerung. Scholz forderte statt dessen einen „ökologischen Kommunitarismus“ ein. Dass die Klimadebatte facettenreich ist und hier verschiedene Wahrheiten parallel existieren, machten die Fragen der über …

Erika Biehn (VAMV): Ich möchte ein Sandkorn im Getriebe sein!

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV) wurde 1967 als “Verband lediger Mütter” gegründet. Er vertritt heute bundesweit die Interessen von 2,7 Millionen Einelternfamilien, von Familien also, in denen ledige, getrennte, geschiedene oder verwitwete Eltern mit ihren Kindern leben. denkhausbremen hat mit der Vorsitzenden Erika Biehn am 15.4.2019 in Essen dieses Interview geführt. Erika Biehn hat darüber hinaus die Nationale Armutskonferenz (nak) mitgegründet. denkhausbremen: Wie ist Ihr Verband gegründet worden? Erika Biehn: Der Verband ist 1967 in Herrenberg von Luise Schöffel, einer ledigen Mutter, die gleichzeitig Lehrerin und Ratsherrin war, gegründet worden. Die Situation für ledige Mütter war damals noch sehr anders und sie hatten oft gesellschaftlich und rechtlich einen schweren Stand. Das ging teilweise bis zur Wegnahme des Kindes, weil ihnen nicht zugetraut wurde, ihre Kinder eigenständig ordentlich großzuziehen. Das kann natürlich heute auch noch geschehen, aber nicht mehr nur weil die Mutter alleinerziehend und unverheiratet ist. Da hat sich schon einiges geändert. Frau Schöffel hat damals in einer überregionalen Zeitung eine Anzeige geschaltet und über 100 Zuschriften zurückbekommen, mit zum Teil extremen …