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Melanie Bergmann (AWI): Wir atmen Plastik.

Dr. Melanie Bergmann arbeitet als Meeresbiologin für das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Belastung der Meere mit Plastikmüll.

denkhausbremen: Die Probleme mit Mikroplastik und Plastikmüll im Meer sind neben der Klimakrise eine weitere dramatische Folge aus der Nutzung fossiler Rohstoffe. Sie forschen seit Jahren zu diesen Themen – wie ist Ihr Blick darauf?

Melanie Bergmann: Wir haben vor Kurzem mit dem Forschungsschiff „Sonne“ den Pazifik durchquert, von Vancouver bis nach Singapur – und wir haben sehr viel Müll gesehen. Anders als manche Medienberichte suggerieren, gibt es dort keinen Müllteppich, auf dem man laufen könnte. Aber wenn innerhalb einer Stunde 300 Teile Plastikmüll am Schiff vorbeischwimmen – und das in der Mitte des Ozeans fernab menschlicher Siedlungen – dann ist das schon eindrucksvoll. In der Datenbank Litterbase bringen wir die verfügbaren wissenschaftlichen Daten zusammen. So bekommen wir einen Überblick, wo überall schon Plastikmüll gesichtet wurde und welche Tiere besonders davon betroffen sind.

Was würden Sie sagen, wie ernst ist das Problem?

Das Problem ist schon sehr ernst. Besonders unsere aktuelle Studie zu Mikroplastik im Schnee hat mich persönlich nochmal aufgerüttelt. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Zeug auch in der Luft ist…

Das heißt – wir atmen es ein?

Genau, wir atmen sehr wahrscheinlich Plastik ein. Wenn man das bedenkt, wundert es doch sehr, dass es keine Studien zu den direkten Auswirkungen von Mikroplastik auf die Gesundheit von Menschen gibt. Wir brauchen gar nicht erst mit Plastik belastete Fische oder Muscheln zu essen, um Plastik in uns aufzunehmen.

Aber nicht nur die Meere, auch unsere Böden sind mit Plastik belastet. Über den kompostierten Biomüll, der leider häufig auch Plastik enthält, die Nutzung von Plastikplanen in der Landwirtschaft und eben durch Mikroplastik aus der Luft gelangen Unmengen kleiner Plastikteilchen auf Wiesen und Äcker. Wir wissen nicht, ob z.B. Kühe sie mit ihrem Futter aufnehmen, und sie so in unsere Nahrungskette gelangen – und welche gesundheitlichen Folgen das für uns Menschen hat.

Was genau ist eigentlich Mikroplastik?

So werden Plastikteilchen bezeichnet, die kleiner als 5 Millimeter sind. 90 % der Teilchen, die wir in unseren Proben aus dem Meerwasser, Sediment, Eis oder Schnee fischen, sind aber nur 11 Mikrometer groß – ein menschliches Haar ist 6 Mal so dick. Zugleich ist das die kleinste Größe, die wir momentan erfassen können. Es liegt also nahe, dass es noch viel mehr Mikroplastik gibt, das einfach zu klein ist um es heute schon zu messen. Gerade diese allerkleinsten Plastikteilchen könnten aber am gefährlichsten sein: Sie sind so klein, dass sie in die Zellen unseres Körpers eindringen und in unser Blut oder Organe gelangen könnten.

Laut Studien macht Mikroplastik in Deutschland den Großteil des Plastikmülls aus, der in die Natur gelangt.

Richtig. Das Fraunhofer-Institut hat festgestellt, dass 75 % der Plastikverschmutzung in Deutschland Mikroplastik ist. Laut den Berechnungen kommt das meiste davon durch Abrieb von Autoreifen, Straßenbelägen aus Bitumen und Straßenmarkierungen sowie Kleidung aus Kunststofffasern zustande. Außerdem enthalten viele lackierte Oberflächen Kunststoffe, aus denen durch Verwitterung kleinste Teilchen herausgelöst und vom Winde verweht werden: Autos, Fassaden, Schiffe usw.

Zugleich beherrscht die Klimakrise derzeit die Schlagzeilen…

Der Klimawandel ist sicherlich zeitlich noch viel drängender, aber diese großen Umweltkrisen hängen auf jeden Fall zusammen. Bei den anhaltend hohen Wachstumsraten in der Plastikindustrie könnten die Herstellung, Verarbeitung und Verbrennung von Plastik laut Studien 10-13 % unseres bis 2050 verbleibenden CO2-Budgets auffressen, wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen einhalten wollen – das ist schon krass. Ein Teil der Klimakrise und des Plastikproblems ist unserem ungezügelten Konsumverhalten geschuldet, wir müssen einfach insgesamt viel sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen.

Hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von teils hochgiftigen Stoffen im Plastik drin ist. Jedes Jahr werden hierzulande tausende Tonnen Giftmüll aus der Verbrennung von Plastikmüll in Deponien eingelagert – Cadmium, Furane, Dioxane usw. Ein weiteres giftiges Erbe für zukünftige Generationen. In anderen Ländern ist die Situation natürlich noch verheerender, wenn Müll offen und ohne jegliche Filter verbrannt wird und die Schadstoffe einfach in die Luft gepustet werden. Atemwegserkrankungen und vorzeitige Todesfälle der Menschen dort sind die Folge.

Was kann denn getan werden, um die Probleme und Risiken zu mindern?

Das wichtigste wäre, die Produktion und den Gebrauch von Plastik auf das allernötigste zu reduzieren. Wir bräuchten eine umfassende Bestandsaufnahme – z.B. im Bereich Verpackungen: Welche Produkte im Supermarkt müssen tatsächlich in Plastik eingepackt sein, welche Alternativen gibt es, und welchen ökologischen Fußabdruck haben die? Das ist natürlich sehr aufwendig. Wenn etwa aus hygienischen Gründen eine Plastikverpackung notwendig ist, sollten zumindest sortenreine Kunststoffe verwendet werden, die sich am Ende auch wirklich recyceln lassen.

Was viele Menschen gar nicht wissen, die hierzulande so engagiert ihren Müll trennen: Derzeit wird nur ein Bruchteil des Plastikmülls tatsächlich wiederverwendet.

Je nachdem, welche Bereiche berücksichtigt werden und wie genau gerechnet wird, liegen die Angaben dazu bei 6 bis 24 %. Klar ist, dass die Quoten zum Kunststoff-Recycling dramatisch verfehlt werden.

Welche Ansätze sehen Sie denn, um den Verbrauch von Plastik zu reduzieren?

Echte Kreislaufwirtschaft und Mehrwegsysteme sind wichtige Stichworte. Für die VerbraucherInnen wird die Situation aber schnell unübersichtlich. Ist die Mehrwegflasche aus Glas umweltfreundlicher, auch wenn sie schwerer ist und einen höheren CO2-Ausstoß beim Transport hat? Was ist mit den Schadstoffen, die wiederum in der Plastikflasche enthalten sind? Jedes Mal, wenn ich den Deckel einer Plastik-Getränkeflasche öffne wird vermutlich Mikroplastik erzeugt, das auch in mein Getränk rieseln kann. Wenn ich zum Supermarkt gehe und weniger tierische Produkte kaufen möchte, dann nehme ich z.B. keine Butter, sondern Margarine. Und was ist in fast allen Margarinen drin? Palmöl – mit einer verheerenden Ökobilanz. Es ist unheimlich kompliziert.

Um es noch komplizierter zu machen: Auch die Papiertüte ist, anders als viele vermuten, keine nachhaltige Alternative zur Plastiktüte. Ist es vor diesem Hintergrund nicht unangemessen, die Verantwortung für den Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit komplett den VerbraucherInnen zuzuschieben? Wir können nicht erwarten, dass die Menschen von morgens bis abends Ökobilanzen studieren. Müssten wir stattdessen nicht einen Rahmen und ein Angebot schaffen, damit es einfacher wird, sich nachhaltig zu verhalten und z.B. Mehrwegsysteme zu nutzen?

Richtig. Ich kaufe z.B. gerne im Unverpacktladen ein. Mir ist aber völlig klar, dass das eine Nische ist für einige Wenige. Und wenn mir die Zeit fehlt, um extra noch dorthin oder auf den Wochenmarkt zu gehen – dann gehe ich in den Supermarkt und kaufe verpackte Sachen. Wir müssen es schaffen, dass auch dort wo die meisten Menschen einkaufen – in den Supermärkten – Produkte ohne Verpackungen oder in Mehrwegsystemen angeboten werden. Wenn man bedenkt, wie praktisch über Nacht unzählige vegane Produkte in den Läden standen, dann sollte das doch auch beim Thema Verpackungen möglich sein.

Wie ist Bremen als Stadt von der Plastikflut betroffen?

Wer durch die Parks hier läuft und einmal genauer hinschaut, der wird sehen, dass dort überall kleine Plastikteilchen liegen. Plastiktüten, Bonbonpapiere, Zigarettenstummel, Mikroplastik von Silvester-Raketen. Wir denken häufig, hier in Deutschland wäre alles so sauber – dabei haben wir einfach eine gewisse Plastik-Blindheit entwickelt. Unsere Nordseestrände sind nur deswegen so sauber, weil sie jeden Morgen um 5 Uhr für die Touristen gereinigt werden. Das ist an den Flussufern anders, am Weserufer z.B. liegt viel Plastikmüll. Das Gras wird regelmäßig mit dem Freischneider gemäht, der vorhandene Plastikmüll damit unbeabsichtigt zerhäckselt und in Mikroplastik verwandelt. Im Grunde müsste vor jedem Schnitt jemand diese Bereiche absuchen und den Plastikmüll einsammeln.

Haben Sie weitere konkrete Vorschläge?

Es wäre auf jeden Fall sinnvoll, den Müll im öffentlichen Raum einzudämmen, der durch To-Go-Becher, Fast-Food-Verpackungen usw. entsteht.

In Bremen laufen bereits Vorbereitungen für ein Pfandbecher-System.

Sehr gut. Die Stadt könnte Trinkwasserspender an öffentlichen Plätzen, am Hauptbahnhof usw. installieren, um Plastikwasserflaschen überflüssig zu machen und den Menschen gutes Leitungswasser zur Verfügung zu stellen. Für neue Straßenbeläge und -markierungen sollten wir nach alternativen Materialien suchen, damit die rot angemalte Fahrradstraße in Zukunft nicht zur neuen Quelle für Mikroplastik wird. Der Abrieb von Autoreifen ließe sich verringern, indem wir Rad- und Fußverkehr sowie den ÖPNV stärken und die Zahl der Autos auf unseren Straßen reduzieren. So können Klimaschutz und eine geringere Plastikverschmutzung sozusagen Hand in Hand gehen.

Außerdem könnten wir die Klärwerke mit besseren Filteranlagen ausstatten, um einen größeren Anteil des Mikroplastiks abzufangen. Bislang gelangen je nach Klärstufe der jeweiligen Anlage bis zu 2-5 % der Teilchen mit dem Abwasser in die Umwelt, was angesichts der großen Durchlaufmengen noch recht viel ist. Da könnten wir noch besser werden und das könnte die Politik veranlassen. Auch das Wasser aus den Gullis müsste noch besser aufbereitet werden.

Für einige Bereiche könnten auch biobasierte Kunststoffe eine Lösung sein, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden…

Ja, vielleicht. Das müssten aber Polymere sein, die biologisch abbaubar sind und sich nach einer gewissen Zeit, oder z.B. durch Kontakt mit Wasser wieder zersetzen. Das ist keine Utopie, denn als man die ersten Kunststoffe entwickelte, war es eher schwierig, langlebige Stoffe zu produzieren. Deutschland gilt als ein Land der Ingenieure, da sollten auch solche technologischen Innovationen möglich sein. Es gilt aber zu bedenken, dass auch die Herstellung biologisch abbaubarer Kunststoffe und Verpackungen Energie und andere Ressourcen verbraucht. Daher muss die erste Frage immer lauten: Brauchen wir diese oder jene Verpackung überhaupt?

Die Datenbank Litterbase des AWI zum Plastikmüll im Meer ist online unter www.litterbase.org zu finden.