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Franz-Theo Gottwald: Industrielle Bioökonomie ist ein totalitärer Ansatz

Franz-Theo Gottwald ist Honorarprofessor, Lehrbeauftragter, Autor zahlreicher Publikationen und Vorstand der Schweisfurth Stiftung. In seinem Buch „Irrweg Bioökonomie“ kritisiert er  – gemeinsam mit Anita Krätzer – die Bioökonomie-Stragegie der Bundesregierung und warnt vor einer weiteren Ökonomisierung der Natur. 

 

denkhausbremen: Die Industrie macht sich im Zuge der Bioökonomie-Debatte endlich Gedanken um einen Ausstieg aus den fossilen Energien und den Umstieg auf biogene Rohstoffe. Nun kommt die Umweltbewegung schon wieder daher und kritisiert das? Was würden sie dem entgegnen?

Franz-Theo Gottwald: Ich glaube es gibt sehr wenig Verbindendes zwischen agrarökologischen Zukunftsvorstellungen und einem industriell bioökonomischen Leitbild. Zu dem Wenigen gehört, dass es für alle in Zukunft um eine postfossile oder gar klimapositive Landwirtschaft gehen muss. Angesichts der derzeitigen Klimaschäden, die die industrielle Landwirtschaft zu verantworten hat, ist es ja im Grundsatz gut, dass es zumindest eine gemeinsame Stoßrichtung gibt: den Schutz des Klimas. Danach gibt es aber die große Divergenz zwischen intensivierter Landnutzung zu Zwecken der Biomassemehrung und den Umwelt- oder Naturschutzzielen.

Was meinen Sie mit der großen Divergenz?

Agrarökologische Arbeit beruht auf dem Respekt vor dem Lebendigen und der Würde oder Integrität von Lebewesen. In der industriellen Bioökonomie wird dagegen alles unter dem Gesichtspunkt verwertbarer Biomasse betrachtet. Das ist der große Gegensatz und ein Kern der Debatte um eine postfossile Wirtschaft. Darüber hinaus werden die Wechselwirkungen zwischen Boden, Pflanze, Tier und Mensch ebenfalls vollkommen unterschiedlich beurteilt. Agrarökologisch sind sie wesentlich, industrieökologisch sind sie unerforscht und nicht relevant.

Wie beurteilen Sie den Zustand der konventionellen landwirtschaftlichen Betriebe? Sind sie schon Teil einer weltweiten Bioökonomie?

Die konventionelle, also herkömmliche, nicht ökologische Landwirtschaft arbeitet bereits nach industriell bioökonomischen Maßstäben: arbeitsteilig, von immer neuen Finanzinvestitionen abhängig, wissensintensiv. Genau dies sind die Merkmale von Industrie. Das wollen viele Landwirte nicht wahrhaben und bezeichnen sich noch als bäuerlichen Familienbetrieb. Sie sind aber längst ein Glied in der globalen Wertschöpfungskette. Die Schweine- und Hühnerfleisch-Produktion ist z.B. komplett industrialisiert. Bei der Milch und beim Rindfleisch ist es noch ein wenig anders. Im nächsten Schritt steht die konventionelle Landwirtschaft im Sinne eines “wachsen oder weichen” für eine Mehr-Erzeugung von Biomasse bereit.

Sie haben den industriellen Bioökonomie-Ansatz einen totalitären Ansatz genannt. Das ist eine sehr negative Definition. Sehen Sie nicht auch Chancen in der Bioökonomie?

Wenn ich positive Nutzungsmöglichkeiten sehe, dann eher in der Forstwirtschaft. Da gibt es Entwicklungsverläufe, die ökologisiert werden können. Die Kernfrage ist aber am Ende: Was kann denn noch koexistieren, wenn vermehrt mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf Acker und Weide oder im Forst gearbeitet wird? Das geht in Richtung einer Omnipräsenz von gentechnisch veränderten Organismen. Daher habe ich den Begriff eines totalitären Ansatzes gewählt. Derzeit gibt es weltweit im Gegensatz dazu noch sehr viele verschiedene Agrarkulturen, besonders in Afrika südlich der Sahara, in Asien und in Teilen auch in den Anden. Das ist eine große Chance oder auch systemare Alternative für die Welternährung.

Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt doch Gentechnik ab, zumindest in Deutschland und Europa. Sehen Sie die Gefahr, dass durch die Bioökonomie-Debatte uns diese Technik durch die Hintertür wieder serviert wird?

Die ist schon längst auf dem Tisch. Die Öffentlichkeitsarbeit pro Bioökonomie wird jetzt mit allen möglichen Zukunftsversprechungen wie z.B. der Ernährungssicherung, der Energieversorgung, der Faserproduktion aufgeladen. Es gibt derzeit aber auch viele Fachtagungen, die ideologische Grenzen sprengen wollen und sich z.B. sich mit der Frage beschäftigen, “was ist natürlich und was ist künstlich?”. Ein Ziel ist es, durch eine Verwässerung der Definition von Gentechnik die Ablehnung in der Bevölkerung zu sprengen. Auf EU-Ebene wird parallel versucht, dem Vorsorgeprinzip noch ein Innovationsprinzip beiseite zu stellen und zukünftig höher zu gewichten, analog zum angloamerikanischen Denken. Es steht zu befürchten, dass im Verlauf dieser Entwicklungen breite Teile der Bevölkerung ihre Auffassung zu Gentechnik ändern werden.

Ist die Bioökonomie-Debatte dann nicht zumindest eine Chance, über die grundsätzliche Ausrichtung einer postfossilen Gesellschaft nachzudenken, die mit einer sozial-ökologischen Transformation einhergehen muss?

Das glaube ich genau nicht. Das Versprechen der Bioökonomie ist ja gerade ein Einszueins-Umstieg in einen postfossilen Lebensstil ohne Konsum-Einschränkungen. Debatten in Richtung suffizienter Ernährungsstile, weniger Flächenversiegelung, einer nachhaltigen Mobilität oder Dämmmaßnahmen beim Wohnbau spielen dort bislang keine Rolle.

Aber genau da kann doch die Bioökonomie-Debatte von kritischen Geistern genutzt werden, um dort einzuhaken…

Im Vordergrund steht nach wie vor die gesteigerte Produktivität in der Fläche oder am Tier, damit mehr Menge gemacht wird für die globale Mittelklasse, die nun ähnliche Lebensstile haben möchte wie in den hoch- oder postindustriellen Ländern.

Welche Rolle sollten denn die Umwelt- und Entwicklungsverbände einnehmen? Sollen wir uns an die runden Tische der Bioökonomie-Räte setzen?

Ich bin immer ein Befürworter von Dialog und setze mich dafür ein, dass die europäischen Gesellschaften in solche Diskurse gehen. Daran sollten sich auf jeden Fall auch die NGOs beteiligen. Keiner von uns weiß derzeit, wie die Klimaveränderungen sich auswirken werden. Je mehr Verfahren da im Wettbewerb stehen, umso besser für unsere Zukunftssicherung. Überleben durch Diversität sozusagen. Wenn jedoch Technologien kommen, die eine Diversität nicht mehr ermöglichen, dann haben wir ein Problem. Da brauchen wir dann klare Regeln und Regulierungen, die die Diversität gegenüber gentechnisch veränderten Organismen schützen. Diese Diskussion muss geführt werden.

Wie kriegen wir bei dieser komplexen Debatte eine ordentliche Partizipation von möglichst vielen Gruppen hin? Derzeit dominieren doch Experten diesen Diskurs.

Die NGOs haben bisher leider nur minimale Budgets für diese Diskussion. Die in der Zivilgesellschaft tätigen kritischen Organisationen müssten im ersten Schritt mit viel mehr Mitteln ausgestattet werden, um eigenständig solide Positionen einzubringen. Hier müssen wir gemeinsam die Stimme erheben.