Wie engagieren sich Menschen in der Uckermark für Natur und Umwelt – und wo hakt es dabei? Unsere Autorin Katja Neels von der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark hat zugehört: in Gesprächsrunden mit Aktiven aus Verbänden, Bürgerinitiativen und Bildungseinrichtungen, mit Einzelkämpfer*innen und vielen, die sich selbst gar nicht als „Umweltaktive” begreifen würden. Ein Stimmungsbild.
Gastbeitrag von Katja Neels
Wenn im Herbst die Kraniche über den kleinen Ort Mescherin ziehen, stehen Menschen an der Oder und schauen in den Himmel. Für einen Moment ist allen klar: Diese Landschaft ist wertvoll. Sie gehört geschützt. Und sie verbindet. Im Alltag aber ist das oft komplizierter.
Eine Region, viele Stimmen
Das Engagement für Natur, Klima und Umwelt in der Uckermark ist lebendig – und voller Spannungen. Es findet in Dorfgemeinschaftshäusern und auf Äckern statt, in Gemeinderäten, bei Kinderfesten und an Küchentischen. Getragen wird es von Ehrenamtlichen, Landwirt*innen, Feuerwehrleuten und Bürgermeister*innen – aber auch von Menschen, die sich nie als „Umweltaktive” verstanden haben, bis ein Bauantrag oder ein Windrad vor der Tür sie dazu machte.
Die Region ist dabei gut aufgestellt: von NABU-Regionalverbänden und diversen Fachgruppen über Begegnungsorte wie den Kranichhof in Mescherin bis hin zum Verkehrsclub Deutschland, der hier als einzige ländliche Regionalgruppe Alltagsmobilität auf dem Land in den Blick nimmt.
Und doch taucht in den Gesprächen immer wieder dasselbe Gefühl auf: Wir arbeiten nebeneinander her. Zu oft bleibt jede*r im eigenen Feld, der gemeinsame Blick aufs Ganze fehlt. Dabei eint die meisten im Grunde dasselbe – die Liebe zur Region, zur Landschaft, zur Lebensqualität. „Wir wollen doch alle Wasser haben”, bringt es eine Engagierte auf den Punkt.
Wenn das Thema politisch wird
Wer sich für Umwelt- oder Klimaschutz einsetzt, landet schnell „in der grünen Ecke”. Fakten verlieren an Überzeugungskraft, wenn sie von den „Falschen” kommen; Veranstaltungen werden gemieden, wenn die einladende Person als politisch markiert gilt. In Dörfern, wo man sich bei der Feuerwehr, im Sportverein und auf der Straße immer wieder begegnet, kann Engagement soziale Konsequenzen haben.
Dabei ist kaum jemand gegen die Natur. Fast alle lieben „ihren” See, „ihren” Wald, „ihre” Felder, „ihren” Schwarzstorch. Der Konflikt liegt selten im Ziel, sondern im Weg dorthin – und in der Sprache. „Klima- und Umweltschutz” klingt für viele abstrakt und moralisierend, weit weg vom eigenen Alltag. „Retten wir unseren Badesee” hingegen ist konkret, verständlich und nah. Dieser Unterschied, so die übereinstimmende Erfahrung aus den Gesprächen, entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg.
Kinderfeste statt Predigen – was funktioniert
Gelingensgeschichten sind dabei meist einfacher, als man zunächst denkt. Statt zur “Plastikvermeidungsdiskussion” lädt man zum Kinderspaß im Dorf ein. Während die Kinder spielen, kommen Eltern ins Gespräch – und ganz nebenbei geht es um Alternativen zu Plastik, um Müll, um Wasser. Eine Bürgerinitiative konnte durch gute Einzelgespräche 95 Prozent der Angesprochenen zur Unterschrift bringen. Die entscheidende Haltung war dabei nicht „Ich erkläre dir die Welt”, sondern „Wir sitzen im gleichen Boot”.
Dieselbe Erfahrung machen Aktive im Naturschutz. Wer Landwirt*innen nicht als Gegner*innen begreift, sondern als Teil eines Systems mit eigenen Zwängen, kommt oft überraschend weit. Gespräche über Wasserrückhalt oder Bodengesundheit führen häufig zu mehr Einigkeit als erwartet. Die sprachlichen Gräben zwischen „konventionell” und „ökologisch” erweisen sich als tiefer als die tatsächlichen Interessen.
Und ohnehin – Engagement gelingt vor allem dort, wo konkret gearbeitet wird: bei der Flächenpflege, im Monitoring, in der Ornithologie, bei regionalen Mobilitätslösungen. Wo Menschen sehen, dass etwas funktioniert – sei es ein Solarprojekt, das Stromkosten senkt, oder eine Maßnahme, die Wasser in der Landschaft hält.
Zwischen Idealismus und Überforderung
Doch es gibt auch harte Realitäten. Ehrenamtliche kämpfen mit Steuerrecht, Satzungen und Fördermittelabrechnungen. Vereinsarbeit wird so zur administrativen Belastung. Fördervereine übernehmen Aufgaben, die eigentlich staatlich abgesichert sein müssten, und geraten dabei an ihre Grenzen. Im Bildungsbereich ist die Lage besonders prekär: Von Angeboten im Bereich nachhaltiger Entwicklung kann man in der Uckermark kaum leben. Idealismus stößt an ökonomische Grenzen. Wer kann sich Engagement leisten? Diese Frage steht unausgesprochen im Raum.
Dazu kommt, was viele als eine Art gesellschaftliche Erschöpfung beschreiben. Menschen sind mit Alltags- und Krisenthemen ausgelastet: Vordringliche Sorgen drehen sich um Infrastruktur, Arbeitsplätze, Kinder, Haus und Hof. Dazu kommen globale Krisen, die zusätzliche Energie und Aufmerksamkeit fordern. Die Vorstellung, man könne sich erst später um ökologische Fragen kümmern, hält sich hartnäckig. Gleichzeitig wissen viele Engagierte: Dieser spätere Zeitpunkt wird nicht kommen.
Was wir daraus lernen können
Aus allen Gesprächen zieht sich ein roter Faden: Dialog funktioniert, wenn er ehrlich, konkret und auf Augenhöhe ist. Nicht frontal, sondern Schulter an Schulter. Nicht moralisch, sondern pragmatisch. Erfolgreich ist, wer den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, wer anerkennt, dass Feuerwehr, Bürgermeister*in, Landwirt*in und Naturschützer*in gleichermaßen Teil der Lösung sind – und wer unterschiedliche Stimmen als legitim begreift.
Umweltverbände sind dabei wichtige Partner im inhaltlichen und fachlichen Bereich. Aber lokale Begegnungsorte erweitern ihr Wirken durch etwas, das sich nicht verordnen lässt: Beziehungsarbeit, Vertrauen und neue Formen der Beteiligung. Genau das verbindet Umweltengagement mit demokratischen Prozessen – Demokratie ist nicht nur das „Was“, sondern vor allem das „Wie“.
Die Uckermark ist kein weißer Fleck auf der Engagement-Landkarte. Wie in vielen ländlichen Regionen arbeiten hier Initiativen und engagierte Menschen daran, den ökologischen Wandel konkret anzustoßen. Hier begegnet man sich immer wieder – das macht Konflikte spürbar, aber auch Verständigung möglich. Umweltengagement in einer Demokratie funktioniert gut, wenn Menschen sich gesehen, gehört und ernst genommen fühlen. Die Herausforderungen sind groß. Die Potenziale sind es auch.







