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Bioökonomie – die neue Nebelwand aus der PR-Abteilung

Was haben Biobäuerin und Chemiekonzern gemeinsam? Beide machen in Zukunft Bioökonomie – zumindest, wenn es nach den Strategen der Industrie geht. Diese fassen die Klammer weit, um möglichst viel unter dem Oberbegriff “Bioökonomie” abhandeln zu können – oder sollte man besser sagen, verschleiern zu können? Bioökonomie ist demnach “die Erzeugung und Verwertung biologischer Ressourcen für Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems.” Mehr geht nicht.

Dahinter könnte die Absicht stecken, Genmais à la Monsanto mit einer bioökonomischen Tarnkappe auszustatten. Und so durch die Hintertür auf die Äcker der Republik zu bringen, obwohl der in der Bevölkerung so beliebt ist wie Fußpilz. So gesehen müssten in den PR-Abteilungen der Chemie-Giganten eigentlich die Sektkorken knallen, wenn der Begriff “Bioökonomie” möglichst inflationär in Umlauf kommt. Eine Industrie mit chronischen Akzeptanzproblemen bekäme so eine Glaubwürdigkeits-Frischzellenkur, weil diese mit dem Ökobauer in einen Bioökonomie-Topf geworfen würde.

Die Klammer Bioökonomie wird vom PR-Sprech der Lobby noch weiter genutzt: “Die Menschheit macht ja schon immer Bioökonomie”, so geht der Singsang bei einem weiteren semantischen Kunstgriff, um genindustrielle Neuerungen unter dem Label einer biogenen Wirtschaft als traditionelles Handwerk daher segeln zu lassen: “Die Steinzeitmenschen haben schon immer Pflanzen genutzt. Wir machen jetzt fast genau das gleiche, nur dass wir in den Pflanzen einfach ein paar Gene optimieren. Und was wir schon immer machen, kann ja nicht so schlimm sein.” So wird flucks aus einem als Frankenstein-Pflanzen verschrienen Genmais-Acker eine bioökonomische Nutzpflanzenproduktion. In der gleichen Logik wird die hoch umstrittene CRISPR/Cas-Methode, ein genchirurgisches Verfahren, das kostengünstige Manipulationen an der DNA massentauglich macht, als Bioökonomie verharmlost.

Aber die Spindoktoren und Werbelyriker der Industrie würden ihren Job schlecht machen, wenn Sie die Kritik der Entwicklungs- und Umweltverbände nicht gleich in ihre Argumentationsketten einbauen würden. Die Bioökonomie der Industrie wird natürlich nachhaltig sein. Ganz in diesem Sinne lässt sich Joanna Dupont-Inglis, Direktorin für industrielle Biotechnologie beim Industrieverband EuropaBio, auf der Website des Chemie-Giganten BASF zitieren: “Theoretisch können alle 100.000 organischen Chemikalien, die derzeit genutzt werden, aus erneuerbaren Kohlenstoffquellen statt aus fossilem Kohlenstoff hergestellt werden. Aber wir müssen die drei Säulen der Nachhaltigkeit ins Auge fassen, um die Bioökonomie der Zukunft zu entwickeln.”

Wie ist das zu bewerten? Man könnte es sich einfach machen und das B.- Wort einfach links liegen lassen, aber das würde der Sache auch nicht gerecht. Selbst kritische Stimmen der aktuellen Bioökonomie-Debatte räumen ein, dass dort auch potentiell sinnvolle Dinge besprochen werden. Wenn zum Beispiel Lignin, das bei der Papierproduktion anfällt und bislang lediglich als Schwarzlauge für Prozessenergie verbrannt wird, in Zukunft auch Rohstoff für Verbundwerkstoffe sein könnte, dann wäre das eine Chance. Darüber hinaus werden Milliarden von Euros der öffentlichen Hand in die Erforschung einer möglichen Bioökonomie gepumpt. Die Diskussion bietet ferner für die NGOs eine Plattform, jenseits des Kampagnen-Klein-Kleins ihre Vorschläge in größeren Zusammenhängen zu adressieren.

Genau deshalb macht es Sinn, einen Blick hinter die Nebelwand Bioökonomie zu riskieren. Noch steckt der Begriff “Bioökonomie” in der öffentlichen Wahrnehmung in den Kinderschuhen: Wichtig könnte hier für die kritische Zivilgesellschaft sein, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das die Industrie hinhält, sondern manchmal auch die eigene Agenda ins Zentrum der Debatte zu rücken. In die Praxis übersetzt würde das bedeuten, dass Entwicklungs- und Umweltorganisationen nicht bei jedem Runden Tisch oder Expertenrat dabei sein müssen, um Einfluss zu haben.

Im Gegenteil ist alles, was frischen Sauerstoff unter den Teppich bringt, dringend nötig in der aktuelle Bioökonomie-Debatte: Raus aus den Experten-Hinterzimmern und mit einer verständlichen Sprache geführt. Das bietet die Chance, eine demokratische Kontrolle über die Diskussion zu erlangen. In der Vergangenheit ist es kritischen Kräften nämlich bereits öfter gelungen, das eine oder andere “Bio”-Märchen zu entzaubern. Biosprit, Biogas, Bioplastik: Ein Blick in die jüngere Vergangenheit macht deutlich, wie inflationär die Vorsilbe “Bio” bereits im Einsatz war, um Industrieprodukte ein bisschen grüner zu waschen. Mit der “Tank oder Teller”- Debatte haben vor allem Entwicklungsorganisationen erfolgreich dazu beigetragen, die Lüge vom grünen Biosprit ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Ob die Wirtschaftsordnung der Zukunft auf den Namen “Bioökonomie” hört oder nicht, ist im Grunde genommen völlig unbedeutend. Es wird wichtig sein, dass es auf unserem Planeten sozial gerecht und ökologisch nachhaltig zugeht. Dafür müssen wir vor allem weniger Ressourcen verbrauchen und diese gerechter verteilen. Es gibt auf der Erde schlicht nicht genug Wald, Ackerland oder Weide, um in Zukunft fossile Energieträger vollständig durch biogene Rohstoffe zu ersetzen.

Auto-Türverkleidungen aus Gras sind vielleicht etwas mehr öko, aber davor stellt sich doch die Frage, ob wir Autos überhaupt brauchen? Und um bei dem Beispiel aus der Papierproduktion zu bleiben. Bevor wir uns Gedanken machen, was mit dem Reststoff Lignin in einer Bioökonomie passieren soll, müssen erst der viel zu hohe Papierverbrauch in den Industrieländern und die wahnsinnig anmutenden Expansionspläne der Papierindustrie auf den Tisch.

Dieser Artikel ist ein persönlicher Debattenbeitrag von Peter Gerhardt