Allgemein, Bremen erneuerbar

Hans-Otto Pörtner (IPCC): Die Klimakrise wird sich weiter verschärfen

Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner ist Co-Chair beim Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und maßgeblich an der Erstellung von dessen Berichten beteiligt.

denkhausbremen: Die Klimakrise ist derzeit in aller Munde. Wie ist Ihr Blick darauf?

Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner: Beim IPCC haben wir einen globalen Blick auf die Auswirkungen des Klimawandels. Wir beschäftigen uns mit den Möglichkeiten zur Anpassung ebenso wie mit der Frage, wie wir die Erderwärmung begrenzen können. In den letzten IPCC-Berichten haben wir geschaut, wie viel globale Erwärmung welche Schäden verursacht. Das kann uns bei Entscheidungen darüber helfen, wie stark wir die Emissionen von Treibhausgasen mindern müssen und woran wir uns am Ende anpassen können. Die Kombination von Minderung und Anpassung an den Klimawandel sollte am Ende dazu beitragen, eine nachhaltige Lebensweise auf unserem Planeten zu erreichen.

Wie ist Bremen vom Klimawandel betroffen?

Natürlich gibt es regionale Unterschiede. Ein küstennaher Standort wie Bremen ist zum Beispiel massiv vom Anstieg des Meeresspiegels bedroht, der mit dem Klimawandel einhergeht. Daher sollte die Motivation der Küstenländer besonders groß sein, sich beim Klimaschutz zu engagieren und etwa das Gehühnere in der nationalen Klimapolitik aufzulösen. Städte wie Bremen und Bremerhaven sind mit die ersten, die von den Folgen des Klimawandels betroffen sind – indem sie deutlich mehr Geld aufwenden müssen, um Küstenschutz zu betreiben. Oder indem irgendwann sogar, wenngleich noch nicht in der nächsten Generation, Entscheidungen gefällt werden müssen, Standorte aufzugeben.

Wir selbst bleiben von vielen Fragen noch verschont, aber künftige Generationen werden sie umso mehr betreffen. Und wir haben heute die Möglichkeit, diese Entwicklung noch zu beeinflussen. Es braucht daher gerade auf der politischen Ebene einen Lernprozess, dass diese Sachverhalte keine Meinungsfrage sind. Leider geht es hier um klimatisch bedingte Sachzwänge, die man respektieren und an denen man sich orientieren muss – sonst müssen wir uns große Sorgen machen um unsere Zukunft.

Viele der heute geborenen Kinder werden das Jahr 2100 noch persönlich erleben, das als Maßstab in den meisten Klimaprognosen vorkommt…

Bei aller gebotenen Vorsicht mit Prognosen über die Zukunft geben uns die Modelle bis 2100 doch eine relativ große Sicherheit in ihren Aussagen. Und danach hört der Klimawandel ja nicht auf. Gerade Prozesse wie der Meeresspiegelanstieg gehen auch über das Jahr 2100 hinaus noch weiter.

Die Dürre und Hitze der letzten beiden Sommer sind vielen Menschen in Bremen sicher noch lebhaft in Erinnerung. Werden wir sowas in Zukunft häufiger erleben?

Was wir sehen ist eine Folge aus den steigenden globalen Durchschnittstemperaturen sowie aus veränderten regionalen Wetterlagen in Zeiten des Klimawandels. Dieser Prozess läuft und wir werden künftig wohl noch größere Extreme ertragen müssen – Extremtemperaturen, extreme Niederschläge und längere Dürreperioden. Das hat mit den abnehmenden Temperaturunterschieden zwischen Arktis und gemäßigten Breiten zu tun. Hoch- und Tiefdruckgebiete setzen sich dann mit einer größeren Wahrscheinlichkeit fest und stärken die Extreme.

Für uns in Bremen war die Hitzewelle sicherlich schon sehr belastend, aber etwa in Südfrankreich gingen die Temperaturen ja an die 45 Grad – das sind Sahara-Werte. Dabei haben wir das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Bis jetzt gibt es eine Steigerung der globalen Durchschnittstemperatur von etwa 1 Grad und wir werden 1,5 Grad mit Sicherheit bekommen, wenn nicht sogar noch weit mehr. Entsprechend wird auch das Ausmaß der Wetterextreme noch zunehmen. Die Klimakrise wird sich weiter verschärfen.

In der Klimakrise spielen auch soziale Ungleichheiten eine große Rolle. Ärmere Menschen sind zum Beispiel stärker von den Folgen extremer Wetterlagen betroffen, wenn sie sich Maßnahmen zur Anpassung einfach nicht leisten können. Wie kann die Gesellschaft damit umgehen?

Richtig, daraus ergibt sich eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Die Politik ist hier gefragt, entsprechende Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen, die auch den ärmeren Bevölkerungsschichten zu Gute kommen. In Hitzephasen werden besonders die Städte zu Wärmeinseln. Einige südlich gelegene Großstädte halten schon heute kühle Rückzugsräume vor, in denen sich die Menschen bei Extremtemperaturen erholen können. Darauf werden sich Städte hierzulande vielleicht auch einrichten müssen.

Wir sollten uns klarmachen, dass gerade die gesundheitlich Schwächeren, wie alte und ganz junge Menschen, durch den Klimawandel in lebensgefährliche Situationen kommen können, und das jetzt schon. Das Robert Koch Institut hat für den Hitzesommer 2018 eine Zahl von 500 vorzeitigen Todesfällen in Berlin ermittelt. Wenn man das für ganz Deutschland hochrechnet, geht das schnell in die Zehntausende. Das ist ein stilles Sterben. Diese Menschen sind vielleicht schon im Krankenhaus. Die Krankenhäuser haben aber keine Klimaanlagen, jedenfalls in den normalen Krankenzimmern. Das gilt auch für Bremen. Die Frage ist: Welche Anpassungen will die Gesellschaft sich leisten, um die Risiken zu mindern?

In welchen Bereichen sehen Sie denn das größte Potenzial, damit Bremen als Stadtstaat einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz leistet?

Bremen kann zum Beispiel sehr viel tun im Bereich Energie und im Bereich öffentlicher Nahverkehr. Der städtische Verkehr sollte so weit wie möglich vom Auto auf das Fahrrad und den ÖPNV verlagert werden. Die Menschen sollten routinemäßig einfach mal in die Straßenbahn springen können, ohne sich große Gedanken über einen hohen Fahrpreis zu machen.

Die Infrastruktur für Elektromobilität und andere alternative Antriebe müsste deutlich ausgebaut werden. Gerade die Produktion von regenerativem Synthesegas mit Hilfe von überschüssigem Windstrom bietet aus meiner Sicht große Chancen. CO2-neutrales „Windgas“ ist ein schnell verfügbarer Kraftstoff für Erdgasautos und lässt sich außerdem in das bestehende Gasnetz einspeisen. Gerade an einem windstarken und küstennahen Standort wie Bremen sollte man sich fragen, warum in diesem Bereich nicht viel mehr läuft. Bremen hat den Windstrom vor der Tür und könnte diesen Standortvorteil nutzen, um hier einen Modellstandort im Bereich Windgas, Wasserstoff und andere synthetische Kraftstoffe aufzubauen.

Dazu hat Bremen, soweit ich das einschätzen kann, noch ein großes Potenzial in der Nutzung von Solarenergie. Indem weit mehr Dächer mit Solarthermie und Photovoltaikanlagen bestückt werden könnten wir uns noch stärker von fossilen Energieträgern unabhängig machen.

Nicht zuletzt kann Bremen einiges tun, um in der Landschaft CO2 zu binden und Emissionen zu verringern. Dazu gehören die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft und der Verzicht, Fleisch und Milch aus Massentierhaltung zu konsumieren. Bremens Bürger haben hier als Konsumenten großen Einfluss, schließlich ist die Stadt Oberzentrum der Region. Bremens Potenziale zum Klimaschutz durch Naturschutz müsste man einmal gründlich erkunden – kompetente Ansprechpartner dazu gibt es sicher genug. Mir fällt dazu die verstärkte Renaturierung von Mooren ein, und Verbraucher können ihren eigenen Beitrag leisten, indem sie zum Beispiel mit torffreier Erde gärtnern.