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Ottmar Miles-Paul (ISL): Wenn es eine Selbstvertretung behinderter Menschen nicht gab, mussten wir das halt selbst gründen.

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL) ist die Dachorganisation der Zentren für Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen mit Sitz in Kassel. denkhausbremen hat mit dem langjährigen Aktiven und ISL-Projektkoordinator Ottmar Miles-Paul im Februar 2020 vor Ort dieses Gespräch geführt.

denkhausbremen: Wie sind Sie zu Ihrem Engagement bei der ISL gekommen?

Ottmar Miles-Paul: Das ist schon ungefähr 33 Jahre her. Ich kam aus meiner Arbeiterfamilie in einem schwäbischen Dorf nach Kassel zum Studium. Wir befinden uns Behinderten-politisch im Umfeld Mitte der 80er Jahre: Das „Gepäckwagen-Zeitalter“ bei der Deutschen Bahn, in dem Rollstuhlfahrer*innen im Gepäckabteil des Zuges befördert wurden, hatten wir schon überwunden. In Kassel gab es damals eine (!) Blindenampel, sonst gab es für Sehbehinderte wie mich fast nichts. Eine Selbstvertretung behinderter Menschen gab es schon gar nicht. Es gab nur einen „Betüddel-Verein“ Behinderte und ihre Freunde; das war im Grunde der vom Gesundheitsamt betreute Kaffeetrink-Verein.

Ich habe als Seh- und Hörbehinderter schnell gemerkt, dass man aneckt mit seiner Behinderung und die Alltagsgestaltung doch schwer sein kann. Ich habe mich daher mit einigen Mitstudenten mit einer Behinderung zusammengeschlossen, um unsere Interessen besser zu vertreten. Hier haben von Anfang an Menschen mit verschiedensten Behinderungen zusammengearbeitet. Am Neubau der Uni Kassel haben wir dann für Barrierefreiheit in allen Bereichen gekämpft. Es fing also sehr praktisch orientiert an.

Ein Verein mit festen Strukturen ist dann aber ein weiter Weg…?

Wir haben erstmal einfach ohne Verein und Vorstand weitergemacht, mit Leserbriefen, Presseerklärungen und kleinen Aktionen. Diese ersten Erfolge an der Uni haben uns dann beflügelt. Allerdings: Uni ist das eine, das Leben in der Stadt das andere. Im Jahr 1986 haben wir uns dann mit der „Aktionsgruppe Behinderter in Kassel“ für einen barrierefreien ÖPNV eingesetzt – u.a. mit einer dreitägigen Mahnwache. Mittlerweile waren wir auch rund 25 Aktive und hatten gemerkt, dass wir in der Kommunalpolitik mit unseren direkten Aktionen und positivem Medienecho etwas verändern konnten.

Schnell hatten wir kapiert, wir dürfen hier ein bisschen mitreden. Aber eigentlich ist alles, was für Behinderte gemacht wird, in der Hand von Nichtbehinderten. Da wurde uns klar: Wenn es eine Selbstvertretung behinderter Menschen nicht gibt, dann müssen wir das halt selbst gründen und haben 1987 den Verein ins Leben gerufen. Später haben wir dann ergänzend dazu noch ein Bildungs- und Forschungsinstitut gegründet, damit wir Empowerment, Seminare und Publikationen realisieren konnten. Unsere ersten festen Stellen waren dann geförderte Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen.

Und was passierte bundesweit und darüber hinaus?

In dieser Zeit entstanden an vielen Stellen ähnliche Initiativen: Zum Beispiel in Bremen „Selbstbestimmt leben“ oder in Marburg der „Verein zur Förderung der Integration Behinderter“. Wir haben uns als Betroffene konkret in die Beratung und in die ambulanten Dienste für behinderte Menschen eingemischt. Es ging uns um die Schaffung von Alternativen zur Heimunterbringung. Die Heime wurden in erster Linie von den großen Wohlfahrtsverbänden gemanagt.

Leute der Bewegung sind dann später auch in die USA gereist, um vor Ort die Independent Living-Bewegung kennenzulernen, die Kontakte bis in die Regierung hatten. Bei uns in Deutschland gab es in dieser Hinsicht Vorbehalte. Das war für uns auch die Zeit der starken Reibungen und langen internen Diskussionen, die aber letztendlich zu unseren wichtigen Grundprinzipien geführt haben: Bei uns sind in Vorstand, Geschäftsführung sowie in Außenvertretung und Beratung nur behinderte Menschen. Letztendlich sind wir auch gedanklich davon weggekommen, dass der Einzelne perfekt sein muss. Aber natürlich kann ich nach fast 35 jährigen Engagement sagen, dass dauerhafter Streit auch sehr kräftezehrend sein kann. Heute sind wir der Dachverband für bundesweit rund 30 Initiativen und in den meisten Bundesländern vertreten.

Was hatte das für Folgen für die Bewegung?

1990 hat sich unsere Dachorganisation „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL)“ gegründet. Nach Stadt und im Bundesland wurden dann langsam auch die großen Wohlfahrts- und Behindertenverbände auf uns aufmerksam, die ja selbst heute noch gerne ihre nichtbehinderten Geschäftsführer zu öffentlichen Terminen schicken. Denen waren wir ein Stachel. Wir mussten hart darum kämpfen, damit wir überhaupt mal an die Tische von Ministerien in Land und Bund kamen, wo die schon lange dabei saßen.

Ein Meilenstein in 1994 war dann die Ergänzung des Grundgesetzes mit dem Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Ein weiterer wichtiger Schritt waren die internationalen Verknüpfungen im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention, die sehr gut geworden ist. Da arbeiten jetzt viele daran, diese Maßgaben umzusetzen. Das hat uns Orientierung und Rückbindung gegeben.

Ein weiterer großer Erfolg ist, dass mittlerweile hunderte behinderte Menschen fair bezahlte Jobs gefunden haben, um andere Behinderte zu unterstützen.
Eine professionelle Organisation kostet Geld. Wie finanzieren Sie sich?
Begonnen hat vieles mit ABM-Maßnahmen. Dazu kamen dann Förderhilfen des Landes und Beratungsförderungen des Bundes, bei denen wir auch mit etablierten Trägern in Konkurrenz geraten sind. Aktion Mensch ist mittlerweile ein weiteres finanzielles Standbein. Wir haben deren langen Weg von der „Aktion Sorgenkind“ mit den Maskottchen Wum und Wendelin bis heute mit vielen intensiven und auch kontroversen Diskussionen begleitet.

Wo sehen Sie vor allem heutzutage noch strukturelle Defizite?

Es gibt eine „Behinderten-Mafia“, die sehr gut daran verdient, wenn sie behinderte Menschen abhängig hält. Das ist ein System der Diskriminierung, das sich seine Sonderwelten selbst baut und erhält. Das sind z.B. die Werkstätten für behinderte Menschen, bei denen die meisten nur rund 200 Euro im Monat verdienen. Das ist eine riesige Sauerei, an der auch die großen Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie maßgeblich beteiligt sind.

Diese Strukturen haben einen großen Selbsterhaltungstrieb. Ich habe dann später auch in meiner fünfjährigen Tätigkeit als Landesbehindertenbeauftragter in Rheinland-Pfalz versucht, genau hier was zu verändern. Ich konnte in dieser Funktion mit Krawatte und Jackett oft mit den Entscheider*innen dieser Träger auf den Metaebene über die UN-Behindertenrechts-Konvention diskutieren. Betroffene behinderte Menschen in diesen Einrichtungen haben mir dann nachher häufig berichtet: „Kaum warst Du weg, grüßen die uns nicht mal mehr…“.

Und wenn Sie persönlich auf Ihr langjähriges Engagement zurückblicken?

Es geht um Empowerment und die eigene Emanzipation: Bin ich nun ein armer Behinderter, der schlecht sieht und hört, oder bin ich jemand mit Rechten auf Barrierefreiheit und ein Mensch mit ganz besonderen Stärken. Einem verwöhnten Anzugträger, dem alles hinterhergetragen wird, sind behinderte Menschen oft viele Überlebenskämpfe in der Lebensrealität voraus. Man braucht jedoch immer andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, die einen positiv unterstützen: Wir sprechen da von Peer-Support.

Kann Ihre Organisation denn auf Augenhöhe an demokratischen Entscheidungsprozessen teilhaben?

Wenn wir zu den entsprechenden Tischen Zugang bekommen, an denen wichtige Dinge besprochen und entschieden werden, dann stehen wir oft einer wahnsinnigen Macht von Leuten entgegen, die Geld, ihre Juristen und ihre großen Verbände haben. Daher ist für mich ein Weg des Erfolgs Pragmatismus und das Spiel der anderen zu lernen, sich aber nicht korrumpieren zu lassen. Dann sitzen wir da und das nennt sich dann Partizipation, aber eigentlich bedeutet es häufig in der Realität: „Lass die mal reden.“ Um wirklich etwas zu erreichen, braucht es belastbare Bündnispartner in den zuständigen Ministerien.

Wagen Sie ein Blick in die Zukunft?

Als Netzwerk-Krake haben wir sehr gute Drähte zu den „jungen Wilden“ in der Bewegung behinderter Menschen. Aktive wie Raul Krauthausen und sein Verein “Sozialhelden” aus Berlin fordern uns immer mal wieder heraus und nutzen für ihre Kampagnen massiv die sozialen Medien. Beim ersten Treffen haben sie uns erstmal erzählt, was wir alles falsch oder gar nicht machen. Mittlerweile hat sich das sehr gut zusammengefunden und wir machen gerne gemeinsame Aktionen. Außerdem finde ich es global betrachtet schon bemerkenswert, dass ein Mädchen mit Autismus zur weltweiten Ikone der Klimabewegung geworden ist. Das ist doch schon was!