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Susanne Fleischmann (BEK): Klimaschutz zur Bewahrung der Schöpfung

Susanne Fleischmann ist Geo-Ökologin und bei der Bremisch Evangelischen Kirche für das Thema Klimaschutz verantwortlich.

denkhausbremen: Was sind Ihre Aufgaben, als Klimaschutzmanagerin der Evangelischen Kirche in Bremen?

Susanne Fleischmann: Ich versuche den Überblick über all die Aktivitäten zum Klimaschutz zu behalten, die es in der Bremischen Evangelischen Kirche gibt – in den einzelnen Gemeinden passiert unwahrscheinlich viel in dem Bereich. Ich bin mit einer Stabsstelle im Haus der Kirche angesiedelt, während die Gemeinden rechtlich und wirtschaftlich komplett unabhängig sind. Wir können ihnen unsere Unterstützung anbieten, haben aber keinerlei Weisungsbefugnis. Das ist auch nicht nötig, weil viele Gemeinden sowieso aus eigenem Antrieb und mit Herzen klimaschützend unterwegs sind.

Das liegt daran, dass der Begriff der „Bewahrung der Schöpfung“ zum Christentum gehört. Das heißt, wir haben eine Verantwortung für die Schöpfung. Darauf zu gucken, dass es den Mitgeschöpfen gut geht, ist sehr wichtig. Deswegen sind viele Gemeinden da aktiv, wie man so schön sagt: intrinsisch.

Was genau tun die Gemeinden?

Im Moment kommen viele Anfragen aus den Gemeinden, ob eine Photovoltaikanlage für sie sinnvoll ist oder nicht. Dann organisiere ich, dass dort ein professionelles Gutachten erstellt wird über die Eignung des Standortes für Photovoltaik. Wir ergänzen das dann mit Informationen darüber, wie alt, stabil oder wartungsintensiv das Dach ist. Oder ob es unproblematisch ist, da Photovoltaik draufzupacken, weil man sowieso gerade alles neu macht. Solche Überlegungen.

Auch beim Thema Energiesparen sind viele Gemeinden aktiv. Das hat neben der Bewahrung der Schöpfung natürlich auch einen wirtschaftlichen Aspekt – Energie einzusparen vermeidet ja nicht nur CO2, sondern lohnt sich auch finanziell. Und einige Gemeinden finden es ganz einfach toll, zu investieren, gerade auch bei der aktuellen Zinspolitik, wo es so wenig Zinsen für das Ersparte gibt. Nach sieben, acht Jahren amortisiert sich zum Beispiel eine Photovoltaikanlage. Den eigenen Strom zu produzieren und selbst zu verbrauchen spart dann richtig Geld.

Welche weiteren Maßnahmen zum Klimaschutz ergreift die Kirche?

Es gibt ein umfassendes Klimaschutzkonzept, dessen Umsetzung ich begleite. Dort wurden bestimmte Maßnahmen als besonders wirkungsvoll identifiziert. Eine davon ist, dass wir uns alle Heizungsanlagen in den vielen Gebäuden der Kirche angucken, ob sie erneuert werden müssen. Das ist einer der größten Hebel, um schnell viel CO2 einzusparen. Dazu muss man sagen: Wir haben Kessel, die sind an die 40 Jahre alt. Da ist es längst an der Zeit, etwas Modernes einzubauen.

Eine andere Möglichkeit ist der Rückbau von Gemeindehäusern. Als Kirche haben wir viel weniger Gemeindemitglieder als früher, aber teilweise riesengroße Gemeindehäuser. Die lassen sich kaum sinnvoll nutzen, weil wir den Platz gar nicht mehr brauchen. Also versuchen wir da entweder einen Mehrnutzen reinzubekommen – indem etwa eine Kita mit eingebaut und integriert wird – oder das Gemeindehaus zu verkaufen und eine kleinere Lösung zu suchen, die langfristig CO2 einspart. Natürlich müssen wir dabei auch die „graue Energie“ bedenken. Das ist die Energie, die in den Rohstoffen und dem Bau eines Hauses steckt. Wenn ein Gebäude nicht umgenutzt, sondern oder unter Umständen sogar abgerissen wird, verhagelt das die CO2-Bilanz auf Jahrzehnte.

Die Bremische Evangelische Kirche ist mit über 180.000 Mitgliedern eine sehr große Organisation. Wie können Sie all diese Menschen für mehr Klimaschutz motivieren?

Das ist gar nicht so einfach. Denn wenn man über Klimaschutz spricht, dann kommt eine Rückmeldung meist von den Leuten, die eh schon aktiv sind. An diejenigen, die das Thema noch nicht so interessiert, kommt man ohne Weiteres gar nicht heran.

Deshalb haben ein großes neues Projekt gestartet: „Schöpfungsfreundliche Kindertageseinrichtungen“. Dort geht es darum, mit den Kleinsten anzufangen. Mit ihnen klimafreundliches Verhalten so einzuüben, dass es für sie zur Selbstverständlichkeit wird. Ich erinnere mich tatsächlich noch an meine ersten, neu gelernten Sachen aus der ersten Klasse, die ich dann mit einer Hartnäckigkeit meinen Eltern erklärte. Ich denke, diese Eigenschaft haben fast alle kleinen Kinder. Und wir hoffen, darüber dann auch ihre Eltern zu erreichen, zum Beispiel durch Aktionstage beim Sommerfest der Kitas.

Nicht zuletzt haben wir eine kircheninterne Zeitung, das BEK Forum. Da steht praktisch in jeder Ausgabe etwas zum Klimaschutz drin und wird von vielen Gemeindemitgliedern gelesen. Aber tatsächlich ist es manchmal nicht so leicht an Gemeindemitglieder heranzukommen, deren Alltagspflichten sie davon abhalten, sich mit dem Thema Klimaschutz intensiver zu beschäftigen.

Sie meinen, weil sie einfach andere Sorgen haben?

Genau, die vielfältigen Anforderungen des Lebens, finanzielle Sorgen und so weiter. Daher denke ich, der Weg über die Kinder wird viele erreichen. Und man muss ein Vorbild sein. Wir haben in fast allen Gemeinden sogenannte Energiepat*innen, die ein besonderes Auge darauf haben, dass energieeffizient gehandelt wird.

Wir haben beispielsweise eine Gemeinde, deren Gebäude nebenher auch als großes Sozialkaufhaus genutzt wird. Kirchengebäude sind kalt. Die Mitarbeiter*innen dort haben also entsetzlich gefroren und die Heizungen entsprechend immer weiter aufgedreht. Bis der Energiepate auf die Verbräuche hinwies und wir angerufen wurden. Mein Kollege, der für die Elektroinstallation zuständig ist, hat dann vorgeschlagen, dass wir dort, wo die Leute arbeiten und frieren, Infrarotwärmeschirme hinstellen. Die Heizungen konnten wir wieder auf die 10 oder 14 Grad runterdrehen, die für eine Kirche normal sind. Der Stromverbrauch ist zwar leicht hochgegangen, weil die Infrarotwärmeschirme über Strom betrieben werden. Aber der Wärmeverbrauch ist so drastisch runtergegangen, dass das insgesamt die sehr viel energiesparendere Lösung war.

Dabei ist das Energiecontrolling entscheidend, um den Überblick zu behalten. Wir versuchen, über die Jahre ein Datenmanagement aufzubauen mit den Verbrauchsdaten von Strom- und Wärmeenergie und Wasser. Mit einer guten Datengrundlage können wir Missstände benennen, aber auch Erfolge messen.

Hat denn die Bremische Evangelische Kirche eigene Klimaziele formuliert?

Wir haben eine Klimaschutzkommission, die ein eigenes Klimaschutzkonzept der Kirche erarbeitet hat. Dort ist das Ziel formuliert, dass die Kirche bis 2050 eine CO2-Minderung von 80 Prozent erreicht. Unser großer Wunsch ist es aber, dass wir bis 2050 klimaneutral werden. Darum sind wir darauf angewiesen, so energieeffizient wie irgend möglich unterwegs zu sein. Natürlich haben wir auch nicht-vermeidbare Verbräuche, für die wir gute Kompensationsmöglichkeiten suchen. Mit der Klima-Kollekte möchten wir zum Beispiel Aufforstungs- und Bildungsprojekte unterstützen.

Viele Ihrer Aktivitäten sind nach innen gerichtet, also auf die Gebäude der Kirche, die Mitglieder und so weiter. Tragen Sie Ihre Empfehlungen oder Vorschläge zum Klimaschutz auch an die Politik heran?

Ich persönlich habe eine Stabstelle in der Kirchenkanzlei und dort einen großen Freiheitsgrad. So habe ich die Möglichkeit, mit dem Zusatz „Klimaschutz der Kirche“ alles Mögliche an öffentlichen Klimaschutzaktivitäten zu unterstützen. Aus den Reihen der Kirche laufen viele Leute bei den Klimaschutzdemonstrationen mit. Wir haben einen Bannersatz entwickelt, den wir dafür immer wieder benutzen und auch verleihen. Ich selber bin aber nicht in der Position, dass ich mich direkt an die Politik wende.

Welche großen Stellschrauben sehen Sie für den Klimaschutz in Bremen?

Ein großer Wunsch von mir wäre, dass die SWB als Hauptenergieversorger in Bremen klimaschützender unterwegs wäre. Es macht mir ein bisschen Bauchschmerzen, dass die so wenig echten, eigenen, innovativen Ökostrom im Portfolio haben. Sie haben das Müllheizkraftwerk als Ökostrom, sie haben die Photovoltaikanlage beim Werderstadion und die kleine Wasserkraftanlage. Aber irgendwie fehlt mir der innovative Gesamtkick in diesem großen Unternehmen, sich entsprechend zukunftsorientiert aufzustellen.

Könnte die Kirche als großer Nachfrager da nicht einen gewissen Druck aufbauen?

Als Verbraucher sind wir gar nicht mal so groß, wie ich dachte. Aber wenn wir alle unsere Gemeindemitglieder motivieren könnten, da auch mitzuziehen – ich schätze, das könnte tatsächlich etwas bewegen. Immerhin geht es da um 180.000 Kirchenmitglieder, von denen sicherlich viele auch SWB-Kund*innen sind. Die Idee ist aber eher, mit Lösungsvorschlägen aufzutreten. Nicht zu drohen, sondern Innovationen vorzuschlagen, die man sich wünscht, weil man eigentlich gerne Kund*in bleiben würde.