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Careleaver* Kollektiv Leipzig: Empowerment und Vernetzung schaffen

Katja Meier und Fiona Grasmann vom Careleaver* Kollektiv Leipzig im Gespräch mit denkhausbremen. Katja ist Projektleiterin, Fiona pädagogische Mitarbeiterin. Careleaver*innen sind junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der Fürsorge durch die stationäre Jugendhilfe – z.B. in Wohngruppen oder Pflegefamilien – verbracht haben und sich am Übergang in ein eigenständiges Leben befinden. Der Begriff umfasst auch Jugendliche und junge Erwachsene, die diese Hilfesettings bereits verlassen haben. Foto: Careleaver Kollektiv Leipzig

Wie kam es zur Gründung des Kollektivs im April 2019?

Katja: Die DROSOS STIFTUNG ermöglicht seit 2019 die Initiative Brückensteine Careleaver, von der wir ein Teil sind. Leipzig repräsentiert eine der wichtigen Städte in Ostdeutschland und so wurde nach einem*r Partner*in für die Umsetzung eines Careleaver-Projektes Ausschau gehalten. Unser Verein urban souls e.V. ist schon über 10 Jahre in Leipzig aktiv und eben kein klassischer Träger der Hilfen zur Erziehung. Das wurde gesucht und wir damit gefunden, um es mal kurz zu formulieren.

Fiona: Wir haben dann ziemlich schnell wegen eines Namens bzw. einer Struktur überlegt, der unseren kooperativen Anspruch verdeutlicht. Wir wollen ja nicht nur für Careleaver*innen etwas erreichen, sondern mit ihnen. Ebenso mit den Partner*innen, Ehrenamtlichen und Aktiven, die zu uns dazugehören. Und so war das Careleaver* Kollektiv Leipzig gegründet.

Wie können wir uns Eure tägliche Arbeit vorstellen?

Fiona: Das ist gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen. Zunächst mal beschäftigt uns die konkrete und direkte Arbeit mit den Careleaver*innen, dazu zählen unterschiedliche Beratungsformate. Wir leisten aber auch Öffentlichkeitsarbeit, woraus u.a. in Zukunft eine Gruppe von Careleaver*innen entstehen soll, die sich selbst vertritt und politisch engagiert. Außerdem bieten wir Weiterbildungen oder Input für Fachkräfte an, damit die Leaving Care – Thematik strukturell verankert wird.

Neu hinzu kommt ein Wohn- und Kulturprojekt für Careleaver*innen in Leipzig, welches aber noch in den Anfängen steckt.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Katja: Es geht hier in unserem Interview ja eigentlich um Bewegungen von unten. Genau das ist auch unser Spannungsfeld. Wir sind keine Graswurzel-Organisation aus Careleaver*innen, sondern wir bieten eine Struktur an, die hilfreich sein kann, um sich selbst zu engagieren.

Die Herausforderung ist es hier, die jungen Menschen überhaupt zu erreichen. Da wir aber erst im April 2019 begonnen haben, sind wir doch sehr zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen. Bis wir wirklich dieses breite Fundament an Careleaver*innen haben, wird es dennoch eine Weile dauern.

Außerdem wird in der Stadt Leipzig gerade die integrierte Kinder- und Jugendhilfeplanung neu beschlossen. Hier wollen wir erreichen, dass Leaving Care dort in Zukunft platziert ist.

Konkret heißt das für uns, einerseits mit dem Jugendhilfeausschuss und Stadträt*innen ins Gespräch zu kommen und andererseits einzelne Careleaver*innen direkt zu motivieren sich selbst zu ermächtigen und politisch aktiv zu werden.

Besteht nicht die Gefahr für Careleaver*innen, sich bei Euch in ein erneutes Hilfesystem zu begeben?

Fiona: Im Grunde sind wir kein Teil des klassischen Hilfesystems, sondern ein offenes Angebot. Klar, wir beraten und unterstützen auch zu allen Fragen, die Careleaver*innen haben, wenn sie die Jugendhilfe verlassen. Aber wir sind vor allem ein Ort, an den sich Careleaver*innen wenden können, wenn sie sich vernetzen oder engagieren wollen.

Katja: Wir möchten kein Hilfesysteme ersetzen, sondern eine Struktur schaffen für eine Zielgruppe, die es sonst schwieriger hat, ihre Anlässe, Themen und Lebenswirklichkeiten zu platzieren.

Wir orientieren uns da eher an der Jugendförderung nach Artikel 11 im 8. Sozialgesetzbuch – wenn ich das mal so formulieren darf – wo es darum geht, Entwicklungsräume, Freizeiträume sowie politisches Engagement zu fördern. Nur wir decken hier halt die spezifische Zielgruppe „Careleaver*innen“ ab.

Sind die Beweggründe, aus denen Careleaver*innen Euch aufsuchen, individuell oder gibt es strukturelle Gemeinsamkeiten?

Fiona: Es gibt auf jeden Fall ein Muster. Ein zentrales Thema ist Wohnen, was die jugendlichen Careleaver*innen in ihrem Lebensabschnitt besonders beschäftigt. Es ist eine Herausforderung, bezahlbaren Wohnraum zu finden oder eine Kaution zu bezahlen, wenn es keine Person gibt, die bürgen könnte. Hier bieten wir Unterstützung bei der Wohnungssuche; direkte Finanzmittel haben wir dafür aber nicht. In einzelnen Fällen sondieren wir, ob finanzielle Töpfe von Stiftungen weiterhelfen können. Aber mit dem Careleaver*innen-Haus, das wir gerade entwerfen, versuchen wir natürlich da entgegen zu wirken.

Erzählt uns mehr von Eurem Konzept eines Careleaver*innen-Haus!

Katja: Das Careleaver*innen-Haus ist eine Idee, welche Fiona aus München mitgebracht hat. Dieses „Haus“ unterstützt migrantisch gelesene Menschen und wurde von Münchner Aktiven gegründet, ursprünglich um ein zentrales Unterstützungs- und Teilhabeangebot für geflüchtete Menschen zu schaffen. Hiermit wird einer marginalisierten Gruppe, relativ zentral in der Stadt, ein Haus zum Leben und Mitgestalten geöffnet. Dabei geht es nicht nur um Wohnen und Leben, sondern auch um Kultur und Workshops. Diese Idee möchten wir nach Leipzig transferieren.

Da wollen wir natürlich Careleaver*innen mit einbeziehen, sich durch eigene Ideen selbst in der Entwicklung zu engagieren.

Fiona: Wenn ich ergänzen darf: Von dem Konzept aus München, ‚Bellevue di Monaco’, werden wir übernehmen, dass unser Haus nicht exklusiv für Careleaver*innen, sondern vielleicht auch für Studierende, junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr und Erasmus-Studierende zur Verfügung steht. Es soll ein offener Raum sein, zum Austausch zwischen der Leipziger Stadtgesellschaft und den Careleaver*innen.

Wie gestaltet Ihr Eure Öffentlichkeitsarbeit?

Katja: Bei Instagram läuft z.B. eine Kampagne mit dem Hashtag „mehralscareleaver“. Es geht um positive Beispiele und Vorbilder, wo Careleaver*innen ihr Gesicht zeigen. Es mag eine marginalisierte Gruppe sein, aber wir wollen keine neue Stigmatisierung schaffen und von der alten Heimkind-Debatte wegkommen, um das Bild von Careleaver*innen neu und positiv zu besetzen.

Wir wollen so über strukturelle und persönliche Hürden sprechen und auf diese aufmerksam machen. Eine Mischung aus Empowerment sowie positiver Begriffs-Besetzung.

Ist es weiterhin ein Stigma aus einer Pflegefamilie zu kommen?

Fiona: Es ist auf jeden Fall ein Tabuthema, was u.a. auch an der Begrifflichkeit liegt. Der Begriff Careleaver*innen hat sich noch nicht durchgesetzt. Meist steht immer noch Heimkind als Begriff im Raum, welcher häufig als Schimpfwort missbraucht wird und wahnsinnig negativ belastet ist.

Was sind Meilensteine in Eurer bisherigen Arbeit?

Fiona: Wir freuen uns immer sehr, wenn wir Strukturen schaffen konnten, in denen Careleaver*innen selbst aktiv werden und die zu Empowerment und Vernetzung führen konnten. Uns ist das zum Beispiel durch die Gründung einer Studierendengruppe und einer Pflegekindergruppe gelungen. Careleaver*innen können sich hier gegenseitig unterstützen, beraten und austauschen.

Es gibt ein Mentoring-Programm, in dem Freiwillige eine Patenschaft für einzelne Careleaver*innen übernehmen und diese begleiten. Vor “Corona-Zeiten” gab es auch Workshops, zu denen wir Referent*innen aus dem Graffiti, Rap und Tanz Bereich eingeladen haben.

Eine Careleaverin hat jetzt sogar ihren ersten Instagram-Account ins Leben gerufen, mit dem großartigen Namen „care.2.go“.

Wir freuen uns immer, wenn solche Synergien entstehen.

Was wünscht Ihr Euch?

Fiona: Dass das Thema Leaving-Care in die Kinder- und Jugendhilfeplanung aufgenommen wird!

Katja: Noch eine der kommunalen Liegenschaften abzubekommen, als Boden für ein Careleaver*innen-Haus. Es ist ein wahnsinniger Ressourcenkampf in Leipzig um Fläche.

Wollt Ihr einen Blick in die Zukunft wagen?

Fiona: Neben aktuellen Herausforderungen wie Rechtsruck, Pandemie und „Querdenken“, finde ich es hoffnungsvoll, wie die junge Generation – ‚Gen-Z’ wie man sie nennt – doch sehr aktiv zu sein scheinen. Zum Beispiel „Fridays for Future“, eine Bewegung junger Menschen, die sich einmischen und für ihre Rechte kämpfen möchten. Neben all den Dingen, die mir sonst manchmal Bauchschmerzen bereitet, ist das schön zu sehen.

Ich wünsche mir für unsere Careleaver*innen, dass sie auch für ihre Rechte einstehen um Gleichberechtigung und Chancengleichheit anzustreben.

Katja: Ich hoffe, dass das neue Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen die Kommunen dazu verpflichtet, Selbstvertretungs-Organisationen zu fördern. Davon werden Careleaver*innen profitieren, auch davon das die Absenkung der Kostenheranziehung hoffentlich beschlossen wird. Wobei wir uns natürlich die Abschaffung wünschen würden.

Leaving Care als Thema war nie so präsent wie jetzt. Es geht uns darum, dass Menschen sich selbst ermächtigen. Jeder und jede Careleaver*in darf sich gerne bei uns melden, wenn er oder sie sich selbst engagieren möchte!