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Nachhaltiges Palmöl – Chance für den Wald oder Greenwashing für Konzerne? 

Titelbild von Safrudin Mahendra, Save Our Borneo, Mai 2019: Landraub und illegale Abholzung beim Dorf Kinipan, Zentralkalimantan (Insel Borneo). Nachdem Borneos Tieflandregenwald fast vollständig vernichtet ist, dringt die Palmölindustrie jetzt in die Berge vor 

Ein Beitrag von Marianne Klute

Indonesien hat noch große ausgedehnte Regenwälder mit zahlreichen Arten. Im Westen die asiatische Flora und Fauna, mit z.B. den gefährdeten Großsäugern Orang-Utan, Sumatra-Elefant, Sumatra-Nashorn und Tiger. Im Osten die austronesische Flora und Fauna mit Beuteltieren wie dem Baumkänguru, dem Paradiesvogel oder dem Anoa von Sulawesi. Diese Wälder sind für uns alle, das Klima, die Biodiversität und das Verständnis von Evolution, von höchster Bedeutung. Für die Zukunft des Lebens ist der Erhalt und der Schutz der Wälder Indonesiens dringlich.

Indonesien es ist der größte Palmölproduzent. Zusammen mit Malaysia deckt das Land fast 90% des globalen Verbrauchs. 

Die massive Expansion der Ölpalm-Anbauflächen ist ein Phänomen der letzten Dekaden. Hatte Indonesien 1985 etwa 0,6 Mio Hektar Ölpalmplantagen, so waren es 20 Jahre später (2006) schon 5,6 Mio Hektar – hauptsächlich für die Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrien. Entwaldung, Landraub und Menschenrechtsverletzungen waren auch damals schon drängende Themen.

Danach setzte die enorme Expansion erst ein, und zwar nach Inkrafttreten der EU-Klima- und Erneuerbare-Energien-Politiken. Seither sind jährlich etwa 1 Mio Hektar Plantagen neu angelegt worden – in den Regenwaldgebieten Sumatras, Borneos, Sulawesis und Papuas. Heute sind es nach Angaben von NGOs schon 20 Mio Hektar. (Die offiziellen Angaben sind viel zu niedrig, denn zahlreiche Plantagen sind illegal oder nicht erfasst.) Nicht eingerechnet die Wälder, die zwar kahl geschlagen, aber nicht bepflanzt worden sind. Mindestens noch einmal so viel.

Hat die Zertifizierung von Palmöl die Entwaldung stoppen können? Ein Blick auf die Grafiken lässt nur die Antwort zu: Nein. Es geht kontinuierlich weiter. Wir sind Zeitzeugen einer Agro-Industrialisierung von Regenwaldgebieten.  

Zertifizierung von Palmöl hat einerseits die Tatorte verlagert. Andererseits sind die treibenden Kräfte der Entwaldung zu komplex, um sie mit einem eher technischen Tool in den Griff zu bekommen.

Vielleicht hat die ein oder andere Plantage nun ein besseres Abwassersystem, doch am Gesamtsystem hat sich nichts geändert, Im Gegenteil: es ist schlimmer geworden. Mehr Abholzung, Waldverlust, Landraub, Menschenrechtsverletzungen.

Ein Zertifizierungssystem kann Sinn machen, wenn die Bedingungen stimmen. Aber nicht in Ländern, die willkürlich von der Ausbeutung der Natur leben. 

Foto: Marianne Klute Wenn der Regenwald weg ist, kommt es zu Bodenerosion. Auf diesem Foto sieht man die Autorin auf einer Plantage in Zentralkalimantan (Borneo), die auf Sand gebaut ist

 

Fast ganz Indonesien ist in Konzessionen vergeben. Die Daten, wo wer welche Plantage betreibt, sind nicht öffentlich. Es gibt Gesetze, ja. Doch der Großteil der Plantagen hält sich nicht daran. Nur wenige verfügen über alle notwendigen Papiere. Das ist der Grund, warum Indonesien selbst nicht viel von Nachhaltigkeit hält, denn für die Behörden ist die Illegalität das große Problem. Deswegen gibt es ISPO, mit dem Ziel, die Plantagenfirmen zu verpflichten, die rechtlichen Genehmigungsschritte einzuhalten. Hat die bisherige Zertifizierung das Problem der mangelnden Legalität gelöst? Nein.

In den Wälder leben Menschen. Indigene, Subsistenzbauern, Waldnomaden. Nach Angaben von Walhi sind es 55 Millionen Menschen, die ohne Rechtstitel bei jeder neuen Plantage ihre Existenz verlieren können und damit ihre Identität. Das ist keine kleine Zahl. Sie werden nicht gefragt. Free Prior and Informed Consent (FPIC) ist auch bei „nachhaltig zertifizierten“ Plantagen nicht die Regel. Für diese Menschen bedeutet Waldverlust die Verletzung ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Rechte. Ihres Menschenrechts auf Nahrung, Wasser und Ernährungssouveränität.

Hat die Zertifizierung diesen Menschen irgendeinen Vorteil erbracht? Ebenfalls nein. Beim RSPO z.B. ist der Beschwerdemechanismus so zäh, dass von den Hunderten Beschwerden aus Indonesien meines Wissens nur 4 mit Erfolg bearbeitet wurden.

Sogar die Smallholder, die an Plantagen angebundenen Kleinbauern, profitieren nicht. Vor Ort muss man feststellen, dass sie den Begriff noch nie gehört haben. Abgesehen davon ist den armen Bauern die Zertifizierung sowieso zu teuer.

Eine andere Kategorie Menschen sind die Arbeiter auf den Plantagen. Die Bedingungen sind hart, die Löhne winzig. Nach Studien aus Nordsumatra sind etwa die Hälfte der Arbeitskräfte nur „Helfer“ ohne Lohn und Sicherheit. Familienmitglieder, auch Kinder.

Plantagen werden auch mit Gewalt angelegt. Nicht nur Gewalt gegenüber der Natur, auch indirekte und direkte Gewalt gegenüber den Menschen. Kein Zertifizierungssystem ist in der Lage, der Gewalt Einhalt zu gebieten. Wie auch, wenn Polizei und Militär die Plantagen sichern.

Überall regt sich Widerstand. Es geht um Landraub und die Vernichtung der Wälder. Hat Zertifizierung davon Kenntnis genommen? Von den Hunderten, ja Tausenden von Landrechtskonflikten, von der Kriminalisierung der Betroffenen?

Sind Probleme und Konflikte gelöst worden? Nein. 

Im Gegenteil – die Firmen schieben in solchen Fällen den schwarzen Peter der Regierung zu. Sie nutzen die schwierige politische Situation aus und spotten über die Politik.

Wie sieht es mit dem Artenschwund in den Anbaugebieten aus? Reichen Inseln schützenswerter Kleinwälder aus, den Bestand an Orang Utan, Tigern, Nashörnern und Elefanten zu wahren? Auch nein. Mit den Worten eines indigenen Papua: „Kapitalismus und Naturschutz sind zwei Seiten einer Medaille“.

Nicht zu vergessen die Praxis auf den Plantagen. Nach dem Kahlschlag wird mit Feuer gerodet. Das ist zwar verboten, doch immer noch Usus. Die Torfböden werden drainiert. Folge sind Waldbrände und Emissionen aus den kahlen Torfböden. Jedes Jahr beschert uns Brände. Im trockenen 2015 verbrannten mehr als 2 Mio Hektar. Damit steht Indonesien ganz vorn auf der Liste der Staaten mit den höchsten Treibhausgasemissionen.

Genau diese wollte man mit dem sogenannten Biosprit reduzieren. Es hat sich aber gezeigt, dass die Emissionen aus Palmölbiosprit 3 mal höher sind als die aus fossilem Diesel. Was daran nachhaltig sein soll, ist mir ein Rätsel.

Umwandlung von natürlichen Landschaften in Monokulturen, auf denen Gifte eingesetzt werden und der Boden langfristig zerstört wird, kann nicht nachhaltig sein. Deswegen bin ich der Auffassung, dass in solchem Fall nicht die Nachhaltigkeit zertifiziert wird, sondern höchstens das Wissen um die zerstörerischen Folgen.

Foto: Longgena Ginting – Blick auf das Leuser-Ökosystem

 

Für die Verbraucher und die Betroffenen vor Ort ist die Zertifizierung eine Mogelpackung, ein Etikettenschwindel, Greenwashing.

Mehr noch, sie verhindert ein konsequentes echtes Umdenken: so können wir mit unseren Wäldern nicht umgehen. Und daher ist sie doppelt schädlich, denn eine verschleppte Krankheit kann chronisch werden oder zum totalen Kollaps führen. 

Für Indonesien selbst ist Palmöl seit 2007 die Lokomotive des Wirtschaftswachstums. Das vernebelt die Sinne, hat neue Oligarchen geschaffen und die Politik in unheilvolle Abhängigkeit gebracht. Mit 15% am Exportvolumen ist heute ein Umschwung schwer. Mit anderen Worten: gegenüber anderen asiatischen Staaten zeigt Indonesien heute wenig Fantasie und auch wirtschaftlich wenig Vielfalt – es sitzt in der Palmöl-Falle. 

Das zeigt sich schon heute angesichts der wütenden Reaktion Indonesiens auf die EU-Entscheidung, Palmöl als Biosprit auslaufen zu lassen.

Wenn der Wald in Indonesien eine Chance haben soll, dann muss dreierlei passieren:

1. ein konsequentes und umfassendes Moratorium – keine Neuplantagen mehr, Revision aller vorhandenen Plantagenkonzessionen

2. Durchsetzung der Menschenrechte, Landrechte, Indigenenrechte und tradionellen Waldrechte in der Praxis

3. Wiederaufforstung der Ölpalmplantagen

und für die Konsumenten: 

Jede Alternative in dieser Dimension bringt neue Probleme. Die Antwort kann nur heißen: Verbrauch reduzieren! Vor allem in der EU, wo 61% des Palmöls in den Energiesektor fließt, heißt das auch: „Weg vom Biosprit“. Und zwar schneller als 2030.

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