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Karen Ehlers (Sisters e.V.): Sexkauf verbieten!

Portrait Karen Ehlers

Karen Ehlers von Sisters e.V. im Gespräch mit denkhausbremen. Bei Sisters e.V. ist Sie verantwortlich für die Finanzen. Der Verein hat sich im Mai 2015 gegründet und konnte im letzten Jahr 49 Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution finanziell unterstützen.

denkhausbremen: Wie können wir uns Eure Arbeit vorstellen?

Karen Ehlers: Wir sind eine kleine schlagfertige Gruppe. Unser Vorstand besteht aus drei Personen: Sabine Constabel, Fachfrau im Gebiet Prostitution und Ausstieg, die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Braymaier und ich bin die Dritte im Bunde. Wir haben bundesweit 360 Mitglieder und in Stuttgart, Tübingen, Köln und Berlin gibt es jeweils Ortsgruppen, die in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit mit Infoständen oder Diskussionsrunden machen. Für diese haben wir zur Orientierung einen Leitplan geschrieben, an welchen sie aber nicht gebunden sind. Wir arbeiten zudem ehrenamtlich und sind auf Spenden angewiesen. In Berlin und in Köln haben wir schon einige Aussteigerinnen betreut. Dabei profitieren wir auch von ehemaligen Aussteigerinnen, die ihre Erfahrungen gerne weitergeben. Besonders Rumäninnen und Bulgarinnen helfen uns bei der Überwindung der Sprachbarriere. Die meisten Frauen, melden sich aber bei uns in der Zentrale in Stuttgart und wir versuchen dann eine passende Ortsgruppe oder Person zu vermitteln. Gelingt das nicht, dann bieten wir den Frauen in Stuttgart unsere Ausstiegswohnung an.

Was sind denn erste Schritte bei einem Ausstieg?

Wenn sich eine Frau bei uns meldet, organisieren wir sofort einen Platz in unserer Ausstiegswohnung. Falls dort alles besetzt sein sollte, bringen wir sie vorübergehend in einer Pension unter. Eine Wohnung ist nämlich ein erster wichtiger Schritt für den Ausstieg. Sie ist Voraussetzung für ein selbstgestaltetes und geregeltes Leben, für Meldeadresse, Job, eigenes Konto und den Zugang zum Hilfesystem. Zu einem gelungenen Ausstieg, ist außerdem ein sozialversicherungspflichtiger Job notwendig. Da viele Frauen aus Rumänien und Bulgarien stammen, sind mangelnde Sprachkenntnisse bei der Arbeitssuche häufig eine Barriere. Daher läuft es oft auf eine Arbeit als Reinigungskraft oder im Hotel hinaus. In Stuttgart werden wir glücklicherweise von vielen Organisationen und Sozialunternehmen unterstützt. Und die Stadt Stuttgart hat nun einen Fond aufgesetzt der speziell Aussteigerinnen unterstützt.

Wo stoßt Ihr auf Widerstände?

In der Arbeit mit den Frauen erleben wir keine Widerstände. Die größte Schwierigkeit für die Frauen ist es, einen geregelten und eigenverantwortlichen Tagesablauf zu lernen. Sie hatten bislang immer jemand der ihnen gesagt hat, was sie als nächstes tun sollen. Umso mehr freuen wir uns dann, wenn die Frauen in ihrer Zeit bei uns, sich positiv weiterentwickeln können. Was schwer zu ertragen ist: Wenn wir eine Frau rausholen, stehen schon wieder zehn neue da. Viele werden von ihren parasitären Familienverbänden oder sonstigen Beschützern in die Prostitution gedrückt. Eine Lösung ist aus unserer Sicht das Schwedische Modell. Hierfür hat auch Leni Breymeier im Bundestag die Trommel rührt.

Was genau ist das Schwedische Modell?

Das Schwedische Modell bedeutet ein Sexkauf-Verbot und nicht die Kriminalisierung der Frau. Hier stehen die Freier als Täter im Fokus. Frauen sind aus unserer Sicht Opfer dieses Systems und werden ausgebeutet. Aber der Freier mit seiner Nachfrage gestaltet den Markt und über ihn wird irgendwie nie gesprochen, sondern immer über die Frauen. In Schweden ist ein Bordellbesuch von Männern mittlerweile verpönt. In Deutschland hingegen ist das eine gängige Art und Weise das Abitur oder einen Junggesellenabschied zu feiern. Hier wünschen wir uns eine gesellschaftliche Veränderung.

Was war ein großer Erfolg Eurer Arbeit?

Eindeutig die Ausstiegswohnung in Stuttgart. Die bekannte Journalistin Alice Schwarzer hatte 20 000 € bei RTL gewonnen und uns zweckgebunden für diese Wohnung gespendet. Wir haben dann lange nach einer passenden Wohnung gesucht und letztendlich führte eine Anzeige in der Frauenzeitschrift Emma (Feministisches Magazin von Alice Schwarzer gegründet) zum Erfolg. Da unsere Wohnung in zentraler Lage ist, können sich die Frauen mit Öffentlichen Verkehrsmitteln unkompliziert bewegen. Integration in die Gesellschaft funktionierte nämlich nicht, wenn wir die Frauen im Schwarzwald außerhalb der Stadt unterbrächten. Der einzige Nachteil ist, dass unsere Wohnung auf ein paar Jahre befristet ist.

Was ist aus Eurer Sicht die größte Diskrepanz zwischen dem was die Öffentlichkeit so allgemein über Prostitution zu glauben weiß und wie sie sich tatsächlich darstellt?

Immer wieder höre ich den Standardsatz‚ “Die machen das doch freiwillig”. Was heißt denn Freiwilligkeit? Viele Prostituierte haben Missbrauchs- und Gewalterfahrung in der Kindheit durchlebt. Trauma-Therapeuten gehen davon aus, dass diese Frauen ihr Trauma reinszenieren, dass sie immer wieder in die Situation des Missbrauchs gehen, um so das Gefühl von Kontrolle zu haben. Wenn ich diese Geschichten der Frauen höre, muss ich sagen: Freiwilligkeit sieht für mich wirklich anders aus! Es gibt natürlich diese glücklichen und freiwilligen Prostituierten, aber wenn man da hinter die Kulissen guckt, sind das auch häufig Dominas, die andere Frauen für sich arbeiten lassen. Das trifft auch auf die Frauen zu, die im Bundesverband für erotische Dienstleistungen organisiert sind. Diese sind häufig selbst Betreiberinnen solcher Etablissements – und eben keine klassischen Prostituierten mit zehn bis fünfzehn Freiern am Tag.

Wie viel Geld bleibt der Frau am Ende zum leben?

Das lässt sich ungefähr überschlagen: Bei einem Zimmerpreis in einem Etablissement von 150 – 180€ am Tag benötigt eine Prostituierte allein schon für die Miete täglich 5-6 Freier zu je 30 €. Hinzu kommt, das viele ein Drogen- oder Alkoholproblem haben – einfach auch um die Schmerzen auszuhalten, wenn sie 10-15 mal am Tag in alle Körperöffnungen penetriert wird. Da fehlt mir ehrlich gesagt die Fantasie, dass jemand das wirklich freiwillig macht. Es ist ein Job, mit dem man sich gerade mal über Wasser halten kann. Wenn wir jetzt von rumänischen oder bulgarischen Frauen sprechen, haben diese in ihrem Heimatland noch eine Familie die aufs Geld wartet, manchmal auch Kinder. Für die Frauen selbst bleibt so kaum was übrig. Viele dieser Frauen haben haben ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Geld entwickelt. Es wird als schmutzig empfunden und deshalb auch schnell wieder ausgeben. Es ist letztendlich keine befriedigende Tätigkeit.

Was hältst Du von dem Begriff Sexarbeiterin?

Finde ich sehr beschönigend. Prostitution ist für mich weder Sex noch Arbeit, sondern bezahlte Vergewaltigung.

Welche Unterstützung wünscht ihr euch von Politik oder Zivilbevölkerung?

Von der Politik wünschen wir uns eine Umsetzung des schwedische Modells, also die Freier-Bestrafung und im Zuge dessen auch die Förderung des Themas Ausstieg. Wir arbeiten spendenfinanziert und deshalb wäre es uns wichtig, dass der Staat Strukturen für einen Ausstieg schafft. Prostitution ist keine normale Arbeit und Frauen sollten jederzeit aussteigen können. Der Staat unterstütz hingegen Beratungsstellen die den Status Quo erhalten wollen und den Frauen sagen, sie hätten keine professionelle Einstellung zu ihrem Job oder man könne ihnen auch in besseres Bordelle empfehlen. Das finde ich daneben. Zudem setzt sich Leni Breymeier mit 16 weiteren Parlamentarierinnen dafür ein weiterhin die Bordelle – nicht nur Corona bedingt -geschlossen zu halten.

Wie wirkt sich die Covid-19 Pandemie auf die Frauen in der Prostitution aus?

Die Frauen sind größten Teils in ihre Heimatländer zurück gegangen und leben nun wieder in ihren Familienverbänden. Viele Bordelle sind deshalb leer. Für die Hiergebliebenen, ist es eine ganz üble Situation. Einige Zuhälter hielten Corona für eine Täuschung und haben ihre Frauen weiterarbeiten lassen. Andere müssen sich auf dem Straßenstrich anbieten, um über die Runden zu kommen. Die Corona Soforthilfen, konnte man nun auch ohne Wohnsitz und Konto beantragen. Teilweise haben sich die Zuhälter dieses Geld einfach eingesteckt. Das hat mir schon die Schuhe ausgezogen. Wir bemühen uns außerdem Aussteigerinnen die zurückgekehrt sind in ihre Heimat, von hier aus weiterhin zu unterstützen.