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Armutsnetzwerk: Unsere Stärke liegt in den Kompetenzen und Kontakten der Aktiven

Das Armutsnetzwerk e.V. ist ein Zusammenschluss von Menschen mit Armutserfahrung sowie Initiativen, Organisationen und Personen, die sich dem Kampf gegen Armut und Ausgrenzung gewidmet haben. Das Armutsnetzwerk ist seit 2015 Kooperationspartner vom Projekt Wohnungslosentreffen, aus dem die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen hervorgegangen ist. denkhausbremen hat am 31.01.2019 Michael Stiefel, Robert Trettin und Werner Franke vom Armutsnetzwerk in Berlin besucht und dieses Gruppeninterview geführt.

denkhausbremen: Wie ist es zur Gründung des Armutsnetzwerks gekommen?

Armutsnetzwerk: Bei einem Treffen der „Menschen mit Armutserfahrungen“ in Berlin 2008 kam die Idee auf, dass arme Menschen sich irgendwie organisieren und für sich eine Lobby aufbauen sollten. Jürgen Schneider, Dietmar Hamann und andere nahmen das als Initiatoren in die Hand. Die formelle Vereinsgründung erfolgte dann 2012 in Freistatt, Niedersachsen. Hintergrund war auch eine Initiative des EAPN (European Anti-Poverty Network), auf nationaler Ebene Netzwerke armutsbetroffener Menschen in politische Entscheidungen einzubinden. Den großen Wohlfahrtsverbänden wurde schnell signalisiert, dass tatsächlich Betroffene beteiligt werden müssen. Das führte letztlich mit dazu, dass das Armutsnetzwerk heute Sitz und Stimme in der Nationalen Armutskonferenz hat.

denkhausbremen: Sie sind also bundesweit organisiert?

Armutsnetzwerk: Ja, wir sind bundesweit organisiert und unsere Mitglieder und Aktiven bringen alle verschiedene Hintergründe aus anderen Initiativen mit ein, z.B. aus der Arbeit für Straßenzeitungen, der Winterhilfe für Wohnungslose, der selbstorganisierten Beratungsarbeit für Grundsicherungs-Empfänger, aus der IBWA (Initiative Bauen Wohnen Arbeiten) und vielen anderen.

denkhausbremen: Was ist denn der Kitt, der Ihr Netzwerk bei diesen vielfältigen Hintergründen zusammenhält? Was macht das Armutsnetzwerk konkret?

Armutsnetzwerk: Wir arbeiten gerade wegen unserer unterschiedlichen Hintergründe an verschiedenen Projekten, wo wir an den Schnittstellen die Sichtweisen der armutsbetroffenen Menschen einbringen können. Wir haben z.B. an einem Workshop mitgewirkt, bei dem armutsbetroffene Menschen am Armutsbericht mitschreiben konnten, das soll jetzt für den nächsten Bericht auch wiederholt werden. Vor der Bundestagswahl haben wir eine Checkliste für Wohnungslose erarbeitet und darin erläutert, wie man auch ohne festen Wohnsitz an der Wahl teilnehmen kann. Zusammen mit der Dachstiftung der Diakonie in Hannover haben wir eine Internet-Plattform für Wohnungslose entwickelt, die im Dezember 2018 in Anwesenheit des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil freigeschaltet wurde. Da nutzen wir auch unsere Kontakte zu den verschiedenen Wohlfahrtsverbänden und wurden z.B. von der Caritas eingeladen, Workshops bei und mit denen zu gestalten.

Außerdem versuchen wir auch direkt mit Entscheidungsträgern in Politik und Verbänden ins Gespräch zu kommen und unsere Anliegen dort und in den Medien zu vertreten. So geben wir armutsbetroffenen Menschen eine Stimme. Wir haben uns also über die Jahre eine gewisse Reputation aufgebaut vor allem gegenüber den Wohlfahrtsverbänden. Uns ist aber bewusst, dass unsere Einflussmöglichkeiten begrenzt sind.

denkhausbremen: Wie viele Mitglieder hat das Armutsnetzwerk?

Armutsnetzwerk: Wir haben knapp sechzig Mitglieder, die aber natürlich nicht alle gleichermaßen aktiv sind. Viele mit einem soliden Erfahrungshintergrund in ihrem Initiativen, einige auch aus den Verbänden, denen die Beteiligung der Menschen ein Anliegen ist. Wir setzen da aber auch mehr auf Qualität als auf Quantität. Unsere Stärke liegt in den jeweiligen Kompetenzen und Kontakten der einzelnen Aktiven. Es gibt auch eine Reihe von Fördermitgliedern, die hauptamtlich bei den großen Wohlfahrtsverbänden arbeiten und uns mit unterstützen.


[Die Fotos zeigen von links: Werner Franke, Michael Gerhardt (denkhausbremen Projektleiter), Robert Trettin und Michael Stiefel.]

denkhausbremen: Was sind die Ziele des Armutsnetzwerks? Wofür stehen Sie?

Armutsnetzwerk: Das Hauptziel ist natürlich, Armut soweit zu beenden, dass für jeden ein menschenwürdiges Existenzminimum möglich ist. Und dass die Grundrechte aller Menschen vollumfänglich in allen Lebenslagen gewährleistet werden. Ein weiteres Ziel ist das Bereitstellen einer Plattform für die Vernetzung – sozusagen eine Schnittstelle zwischen den Akteuren – so können wir neue Impulse und Netzwerke anstoßen sowie Ressourcen für die politische Arbeit anbieten. Gerade bei der Arbeit in Gremien ist es gut und notwendig, sich in gewisser Weise immer auch selbst zu professionalisieren, z.B. durch Weiterbildungen.

denkhausbremen: Fühlen Sie sich bei dieser Gremienarbeit manchmal auch als Feigenblatt, um die Beteiligung von Betroffenen abzudecken?

Armutsnetzwerk: Bei der Arbeit in Gremien hängt viel davon ab, was man selbst daraus macht. Da kommt dann wieder ins Spiel, dass man sich selbst in gewissem Maße professionalisiert, um auch ernst genommen zu werden. Die Beteiligung von Betroffenen in solchen Gremien ist aber wichtig. Das fordern wir ein.

Zum Beispiel gab es da mal einen Workshop zu den Richtlinien des Fallmanagements im Jobcenter: Da haben unsere Nachfragen als Betroffene das Gespräch sehr verändert, weil eine völlig andere Perspektive dazu gekommen ist.

denkhausbremen: Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden seit der Gründung des Armutsnetzwerks entwickelt? Gibt es in der Arbeit mit den Verbänden Spannungen?

Armutsnetzwerk: Das ist schon sehr unterschiedlich. Armut ist auch kein Thema, mit dem sich die Menschen gerne beschäftigen möchten. Vielleicht weil es zu nah dran ist, weil das Gefühl da ist, dass Armut jeden treffen könnte. Da steckt viel Angst drin. Auch für die selbst von Armut Betroffenen ist es oft schwer, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich zu organisieren und aktiv zu werden. Das hat viel mit Scham zu tun. Es fehlt häufig auch die Energie, wenn es beispielsweise darum geht, mühsam die neuesten Gesetzesvorlagen durchzuarbeiten.  Das ist vielleicht auch eine Aufgabe bei uns im Armutsnetzwerk, uns und andere Aktive so zu professionalisieren, dass wir in den Gremien und Wohlfahrtsverbänden auch mitreden können und ernst genommen werden.

Teilweise übernehmen wir da sogar fast eine Beraterfunktion für die Offiziellen der Verbände, so als indirekter Draht zu den Betroffenen. Das ist für uns im Netzwerk natürlich anstrengend, verschafft uns im Gegenzug aber auch Kontakte und Zugang zu wichtigen Ansprechpartnern. In Bezug auf die Wohlfahrtsverbände ist der gegenseitige Nutzen also positiv, auch wenn wir manchmal tatsächlich eine Art Feigenblatt oder Problemscout sind.

denkhausbremen: Im Gespräch mit anderen Initiativen kam das Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation Betroffener und den professionell an diesen Themen arbeitenden Wohlfahrtsverbänden immer wieder auf. Würde eine gezieltere Unterstützung des Armutsnetzwerks in Form von Projektgeldern Ihrer Meinung nach nutzen oder eher schaden?

Armutsnetzwerk: Unterstützung in jeder Form nehmen wir sehr gerne entgegen. Ohne diese Unterstützung ist Teilhabe gar nicht möglich, das beginnt bei den Fahrtkosten zum Austausch, damit armutsbetroffene Menschen überhaupt teilnehmen können. Hier sind wir natürlich in gewisser Weise auf einen Kreis von „Professionellen“ angewiesen, die diese Teilnahme ermöglichen helfen. Allerdings erleben wir, dass das Stigma der Armut oder des „Hartz-IV“-Bezugs sehr groß ist: Man wird häufig auch in einer professionellen Rolle, z.B. als Journalistin oder Berater, nicht mehr gleich ernst genommen, sobald klar ist, dass man selbst von Armut betroffen ist. Die Kultivierung der Abstiegsangst seit der Einführung der SGBII-Gesetze hat hier viel Schaden an der Demokratie angerichtet.

denkhausbremen: Zum Ende des Gesprächs möchte ich gerne noch eine letzte Frage stellen: Wie beurteilen Sie den Zustand der Demokratie in Deutschland?

Armutsnetzwerk: Gibt es noch eine Demokratie? Es hat manchmal den Anschein: Wir werden nicht mehr von der Regierung regiert, sondern oftmals mischen Lobbyisten stärker mit, als gut ist. Wir sind sozusagen in einem Kampf zwischen arm und reich, in dem dann die einzelnen Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, z.B. Arbeitslose gegen Migrant*innen. Dem müssen wir in jeder Form widerstehen. Trotzdem glauben wir, dass es noch einen Rest an demokratischen Strukturen gibt, sonst würde es ja auch keinen Sinn machen, sich noch politisch einzubringen.