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Selbstvertretung wohnungsloser Menschen: Sich ein Stück an Würde zurückholen.

Das Koordinierungstreffen der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen tagte vom 22. bis zum 25. Oktober 2018 in Freistatt (Niedersachsen). denkhausbremen war am 24.10.18 vor Ort und hat dieses Gruppeninterview u.a. mit Jürgen (Sulingen), Hanne-Lore (Lüneburg), Marcus (Hannover), Hans (Stuttgart), Stefan (Berlin), Michael (Berlin), Harald (Freistatt), Uwe (Lüneburg) und Christof (Freistatt) geführt.

denkhausbremen: Wie ist die Initiative entstanden, was war die Initialzündung?

Einigen langjährig Aktiven wie Jürgen Schneider und Stefan Schneider war aufgefallen, dass die Selbstorganisation wohnungsloser Menschen nicht besonders gut aufgestellt war, auf Tagungen wurden immer nur einzelne eingeladen. Es kam die Idee auf, dass man mehr tun könnte. Wir haben dann gesagt, wenn wir nun aus ganz Deutschland wohnungslose Menschen zusammenrufen, dann gucken wir mal, was passiert. Es brauchte dann einige Zeit: Wir mussten Geld organisieren und wir brauchten jemand, der das dann auch durchführt. Nachdem wir die Räumlichkeiten in Freistatt organisiert hatten, haben wir dann an einem gemeinsamen Konzept gebastelt. Im Jahr 2016 gab es dann das erste Wohnungslosentreffen. Die Zielsetzung war damals noch ergebnisoffen.

denkhausbremen: Wie ging es dann weiter?

Wir hatten die Förderung für drei Wohnungslosentreffen erreichen können. Beim ersten Treffen ging es noch darum, wer wir eigentlich sind. Nach dem zweiten Treffen stand dann die inhaltliche Zielrichtung und der Name fest. Wir haben dann ein gemeinsames Leitbild aufgestellt. Das war ein starker Anker, weil  alle Menschen, die bei uns aktiv sind, sich darauf beziehen.

denkhausbremen: Gab es Kooperationspartner bei den Wohlfahrtsverbänden? Wo kamen die Förderungen her?

Unser langjähriger Aktiver Jürgen Schneider hatte das Armutsnetzwerk mitgegründet. Erst gab es die Überlegung, das Wohnungslosentreffen in diesem Verein abzubilden. Da es aber um größere Summen mit viel Abrechnungs- und Verwaltungsaufwand ging, kam dann das Diakonische Werk Niedersachsen und letztendlich die Stiftung Bethel als Antragsteller für die Förderungen ins Spiel. Aktion Mensch hat uns dann gefördert.

denkhausbremen: Wie ist es gekommen, dass das Treffen nun regelmäßig in Freistatt stattfindet?

Das hat wieder mit Jürgen Schneiders Geschichte zu tun. Vor der Gründung des Armutsnetzwerkes gab es bereits das europäische Netzwerk „Hope“ (Homeless People in Europe), das sich ebenfalls in Freistatt getroffen hatte. Er wurde deutlich, dass der Standort in Freistatt unabhängig von der hier bestehenden Einrichtung einer Wohnungslosenhilfe ein guter Ort mit einem geeigneten Umfeld ist. Jürgen Schneider und Stefan Schneider hatten sich zuvor ein Ex-DDR-Gebäude in Berlin angeschaut, was aber nicht mehr zugänglich war. Die Diakonie Niedersachsen hatte dann letztendlich erfolgreich Frank Kruse angesprochen, der Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe hier in Freistatt ist.

denkhausbremen: Wie viele Menschen waren am Start Ihrer Initiative beteiligt?

Am Anfang waren wir zu viert: Jürgen Schneider, Frank Kruse, Janine Husmann und Stefan Schneider. Beim ersten Treffen in 2016 war unsere Vorbereitungszeit wirklich sehr knapp. Nach Bewilligung der Fördergelder durch die Aktion Mensch hatten wir nur sechs Wochen Zeit für die Organisation des ersten Wohnungslosen-Treffens. Die ersten Wochen waren also sehr konzentriert: Wir brauchten eine Homepage, Plakate, einen Einladungstext und Zelte für die Übernachtungen. Es stellte sich die Frage, wen laden wir überhaupt ein? Ohne die Logistik hier in Freistatt und die Unterstützung der Mitarbeiter*innen hier vor Ort wären wir vermutlich gescheitert. Eine Veranstaltung mit 100 Teilnehmer*innen benötigt eine Infrastruktur, die das stemmen kann.

denkhausbremen: War das von Anfang an bundesweit orientiert?

Von Anfang an haben wir gesagt, dass  wir nicht nur auf Deutschland bezogen, sondern darüber hinaus denken wollen. Daher waren beim ersten Treffen  Gäste z.B. aus Dänemark, Niederlande, Österreich, Finnland und Norwegen da. Das europäische Netzwerk „Hope“ hatte ja zuvor schon in Freistatt getagt, so dass der Kontakt da war.

denkhausbremen: Was waren Ihre zentrale Zielsetzung bei der Gründung?

Wir wollen, dass Menschen selbst für sich sprechen können. Am Anfang war das darüber hinaus sehr ergebnisoffen, weil wir nicht wissen konnten, wie sich was entwickelt. Alles war ein offener Prozess…

denkhausbremen: Was ist genau Ihre Zielgruppe?

Wir sind offen für wohnungslose und ehemals wohnungslose Menschen, aber auch jeder andere Mensch, der das unterstützen möchte, ist bei uns natürlich willkommen. Beim ersten Treffen wussten wir von einigen, dass sie kommen würden, bei den meisten wussten wir das jedoch nicht. Das hat uns am Anfang schon etwas Sorge bereitet, weil wir schon etwas Bedenken hatten, wenn „die richtig harten Jungs von der Straße“ kommen. Da hatten wir Angst vor Konflikten, harten Auseinandersetzungen und dass einige Leute unser Treffen „zerlegen“. Was wir gemeinsam geplant hatten, war zuvor so noch nie dagewesen. Das ist nicht eingetroffen, die meisten Teilnehmer*innen hatten von Anfang an eine positive Neugier und konstruktive Offenheit.

denkhausbremen: Wie war denn dann der weitere Verlauf für Ihre Initiative? War es zunächst ein interner Prozess, sich als Gruppe zu finden, oder ging es gleich an die Öffentlichkeit?

Sehr wichtig war, dass wir von Anfang an eine Förderbewilligung für drei Wohnungslosentreffen hatten. Das hat uns einen Schub für eine kontinuierliche Weiterarbeit ermöglicht. Der interne Prozess der Selbstfindung als Gruppe ist aber immer noch im Gange.

denkhausbremen: Wie haben die anderen in der Runde das erste Treffen empfunden?

Als Wohnungsloser mit täglicher erlebter Ausgrenzung muss man sich erst selbst wieder als vollwertiger Mensch fühlen. Es geht also auch darum, sich ein Stück an Würde zurückzuholen. Wir sind hier in Freistatt sehr liebevoll und mit Respekt aufgenommen worden. Das sind  für wohnungslose Menschen sehr seltene Erfahrungen, einige haben sogar geweint. Hier war ein Ort, wo wir ernst genommen wurden; wo es wichtig war, was WIR wollen. Das hat viele dazu gebracht, sich weiter hier zu engagieren. Es war auch klar, dass wir unsere professionellen Helfer noch eine Weile als „Hebammen“ brauchen. Stefan Schneider hatte als Moderator eine Engelsgeduld und jede*r kam zu Wort. Erst wenn alle einverstanden waren, wurde etwas beschlossen, es ging also immer um eine gemeinsame Konsenssuche.

denkhausbremen: Hat die Initiative auch eine Wirkung in die Öffentlichkeit erreicht? Machen Sie Pressearbeit?

Wir machen öfter Pressearbeit. Beim Bremer Bürgerundfunk Radio Weser.TV zum Beispiel werden auch Themen aus der Lebenswirklichkeit von wohnungslosen Menschen aufgegriffen: Unser Aktiver Marcus Rudolph sendet hier regelmäßig ein Programm von Wohnungslosen für Wohnungslose.

In den fachlichen Kreisen, in denen einige Aktive von uns unterwegs sind, ist das Wohnungslosentreffen schnell öffentlich wahrgenommen worden, z.B. bei der Nationalen Armutskonferenz. Die  Pressearbeit muss von uns aber noch weiterentwickelt werden. Öffentlichkeitsarbeit ist nicht nur die Aufgabe von einzelnen, die ganze Gruppe muss da ein Konzept für uns alle voranbringen. Wir wollen nicht, dass Einzelne in den Fokus der Medien geraten und nicht mehr unsere gemeinsame Sache im Mittelpunkt steht.

denkhausbremen: Wie war das Feedback bisher aus der Öffentlichkeit?

Da haben daraus einige auch Ängste bekommen, jetzt werden die Wohnungslosen ja selbstständig. Einige Professionelle aus der Wohnungslosenhilfe fürchten dann, dass unser Treffen ihren Bereich tangieren könnte, manchmal nach dem Motto: „Wir wollen die doch betreuen, wenn die Wohnungslosen selbstständig werden, könnten unsere Fördergelder wegfallen.“ Das muss man auf dem Schirm haben.

denkhausbremen: Welche Inhalte haben Sie bisher erarbeitet?

Wir haben ein Fünf-Punkte-Programm entwickelt. Ein wichtiger Punkt davon ist, dass es in Deutschland ein Grundrecht auf eine Wohnung geben muss. Im Wohnungsbau muss ein Mentalitätswechsel erfolgen: Eine Wohnung  darf keine Ware sein, mit der man Geld verdienen kann. Daher muss es einen Wohnungsbau unter Beteiligung von Wohnungslosen bei der Planung und Durchführung geben. Weitere Forderungen von uns sind eine Soforthilfe sowie die Förderung von Selbsthilfe für wohnungslose Menschen. Auch die medizinische Versorgung für Wohnungslose muss deutlich verbessert werden.

denkhausbremen: Wie geht es für Ihre Initiative weiter?

Inhaltlich arbeiten wir u.a. an dem Förderantrag zur Weiterarbeit auf unserem derzeitigen Wohnungslosentreffen (22.-25.10.18), das noch bis morgen tagt. Es sieht derzeit ganz gut aus, dass wir eine Förderung für weitere drei Jahre erhalten.

denkhausbremen: Was sind Ihre Bündnispartner in der Zukunft?

Zusammen mit  dem schon erwähnten Armutsnetzwerk und der europäischen  Initiative „Hope“ wollen wir Stück für Stück unser Netzwerk erweitern. Das braucht aber Zeit und hier sind noch viele Gespräche nötig. Das ist alles in der Entwicklung…

Es gibt in Deutschland einen politischen Raum: Dazu gehören die Parteien, die Parlamente, die Regierung und die Ministerien, die Wohlfahrtsverbände und viele mehr. Unser Ziel ist es hier mit vielen Akteuren zu reden um klar zu machen, dass es eine Selbstvertretung wohnungsloser Menschen geben muss. So können wir dann aus unserem Projektstatus rauskommen und dauerhafte Strukturen etablieren. Es gibt in Deutschland doch bereits einen Behindertenrat und einen Integrationsbeauftragten, wir benötigen eine feste Institution auch für wohnungslose Menschen.

denkhausbremen: Wie beurteilen Sie den Zustand der Demokratie in Deutschland?

Sehr schlecht! Die politische Klasse hat sich doch weitestgehend in einer Blase abgekapselt und befasst sich mehrheitlich mit den Problemen der Mittelschicht oder der Reichen. Wir haben über eine Millionen wohnungslose Menschen in Deutschland, davon viele auf der Straße oder in Notunterkünften. Muss das sein? In einer Demokratie muss es ein Grundrecht auf „ein Dach über den Kopf“, auf eine eigene Wohnung geben. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen kann ein großer Schritt nach vorne sein. Wir müssen die gesellschaftliche Stigmatisierung und Individualisierung von armen Menschen überwinden, es darf kein „Treten nach unten“ mehr geben. Wir wollen gemeinsam an einer solidarischen Gesellschaft mitwirken, in der alle ihren Platz haben und in Würde leben können.