Autor: peter

Niko Paech: An Postwachstum führt kein Weg vorbei

Niko Paech im Gespräch mit Denkhaus Bremen über Postwachtumsökonomie und wie sich die Umweltverbände für die Zukunft aufstellen sollten. Er war bis 2016 Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt der Universität Oldenburg. Seit 2016 lehrt er im Rahmen des Masterstudiengangs Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Niko Paech hat ab 2016 das Konzept der Postwachstumsökonomie in die Diskussion eingeführt. Er skizziert darin ein Wirtschaftssystem, das nicht auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist, sondern sich durch Wachstumsrücknahme auszeichnet.  

Adelheid Biesecker: Erwerbsarbeit verkürzen

Adelheid Biesecker im Gespräch mit Denkhaus Bremen über vorsorgendes Wirtschaften, Care Ökonomie, Grenzen des Wachstums und die Rolle der Umweltverbände bei einer Transformation. Adelheid Biesecker war Professorin für Ökonomische Theorie an der Universität Bremen und gehörte der Enquête-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages an. Sie ist Mitglied im Netzwerk „Vorsorgendes Wirtschaften“, in der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) und gehört dem Wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland an.  

Angelika Zahrnt: Initiativen vor Ort auf den Weg bringen

Angelika Zahrnt im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin und war langjährige Vorsitzende und ist heutige Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Denkhaus Bremen: Die wachstumskritische Debatte gewinnt an Fahrt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion zu diesem Thema? Angelika Zahrnt: Ich beurteile sie vor dem Hintergrund, dass mich die wachstumskritische Debatte seit meinem Studium in den 60iger Jahren beschäftigt. Wie man dort weiterkommt, ist für mich deshalb auch eine persönliche Frage. Meine Schlussfolgerung ist, dass es nicht mehr ausreicht, die alten Debatten weiterzuführen. Anstatt über alternative Indikatoren zur Wohlstandsmessung und grundsätzliche Fehler am Wachstumskurs zu diskutieren, ist aus meiner Sicht eine Debatte über eine größere Unabhängigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft vom Wachstum notwendig. Zu dieser Frage, wie eine Wirtschaft und Gesellschaft in einer Postwachstumszeit aussehen könnte, habe ich 2010 zusammen mit Irmi Seidl das Buch „Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft“ herausgegeben. Wir und andere AutorInnen haben darin u.a. überlegt, wie z.B. unsere sozialen Sicherungssysteme für Gesundheit und Alter verändert werden müssten. Solche Wachstumstreiber machen es so schwierig, vom Wachstumskurs …

Michael Müller: Herausforderung Ein-Drittel-Gesellschaft

Michael Müller im Gespräch mit Denkhaus Bremen. Er ist Vorsitzender der NaturFreunde Deutschlands. Von 2005 bis 2009 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und von 1998 bis 2005 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Denkhaus Bremen: Herr Müller, ich würde gerne mit Ihnen über die Geschichte der Umweltbewegung in Deutschland sprechen. Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen? Michael Müller: Ich selbst bin seit 1968 mit Fragen des Umweltschutzes beschäftigt, zunächst innerhalb der Studentenbewegung. Dort wurde das sehr distanziert, manchmal sogar abwertend gesehen, weil die prägenden Themen der Studentenbewegung eher Macht und Herrschaft, der Konflikt zwischen Ost und West sowie die Aufarbeitung des Nationalsozialismus waren. Auch die Freunde aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) konnten mein Interesse für das Thema Umwelt nicht nachvollziehen. Anfang der 70er Jahre habe ich dann Freunde von mir wie Jo Leinen oder auch Petra Kelly mit zu den Demonstrationen gegen Atomkraftwerke geholt. Aber damals, bis in die zweite Hälfte der 1970iger Jahre, war das ein Außenseiterthema. Im Kern steht ökologisches Denken in Kreisläufen und Begrenzungen in einem gewissen Gegensatz zu der …

Helmut Röscheisen: Umweltschutz und Gerechtigkeit gehören zusammen

Helmut Röscheisen im Gespräch mit Denkhaus Bremen über die Geschichte der Umweltbewegung, die Grenzen des Wachstums und warum Gerechtigkeitsfragen auch für Umweltverbände relevant sind. Helmut Röscheisen war von 1980 bis 2014 Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR), der Dachorganisation der bundesdeutschen Umweltverbände mit rund 100 Mitgliedsverbänden und über fünf Millionen Mitgliedern.

Tofu trifft Bratwurst

Gastbeitrag von Peter Gerhardt und Jonas Daldrup für die Frankfurter Rundschau am 2. September 2016 Die kritische Debatte über das Wirtschaftswachstum ist von der Mitte der Gesellschaft noch weit entfernt. Um wirkungsvoller zu werden, müssen neue Verbündete mit ins Boot. Deutschland ist ein verunsichertes Land. Ein geteiltes Land. Refugee welcome und Pegida stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die gute alte Soziale Marktwirtschaft hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Der Schatten der Globalisierung reicht bis vor die eigene Haustür. Das Vertrauen in die Demokratie und etablierte Parteien ist im Sinkflug ­ und das, obwohl die wirtschaftlichen Kennzahlen kaum besser sein könnten. Selbst im Boomland Baden­Württemberg fahren CDU und SPD zusammen nicht mal mehr 40% der Stimmen ein. Und im Hintergrund gehen Artensterben und Klimakatastrophe einfach munter weiter: 2016 ist, wie schon die Jahre zuvor, auf dem besten Wege, den nächsten globalen Hitzerekord zu knacken. “So kann es nicht weitergehen!” Diese Analyse teilt die Degrowth­Bewegung mit anderen progressiven Kräften. Die junge Szene versucht, Demokratie und Gerechtigkeit mit der Umweltkrise zusammenzudenken. Unsere wachstumsfixierte Wirtschaft wird zu Recht in …

Was wirklich zählt

Gastbeitrag im Weserkurier von Peter Gerhardt Wirtschaftswachstum und Co. haben als Orientierung für ein gutes Leben ausgedient.Die Steigerung von Produktion und Dienstleistungen war mal das Maß aller Dinge. Das die Bundesrepublik trotz Wachstum und positiver ökonomischer Kennzahlen ein tief verunsichertes Land ist, zeigt uns, dass wir unseren Kompass neu kalibrieren müssen. Auch das letzte Bundesländer-Ranking der wirtschaftsnahen “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” liefert uns wenig Erkenntnis, ob es uns gut geht. Bei der Suche nach dem angeblich besten Bundesland landete Bremen nur auf dem hinteren Platz 12. Aber was heißt das schon. Die Macher solcher Vergleiche rühren aus Faktoren wie Wirtschaftskraft, Bildungsniveau und Arbeitsmarkt einfach einen Index an. Für die Lebenswirklichkeit vieler Bürgerinnen und Bürger kann es hingegen ein Segen sein, wenn die eigene Region bei so einem Wettbewerb hinten liegt. So wie in Bremen, das die Gentrifzierungsexzesse anderer Ballungsräume mit explodierenden Immobilienpreisen bisher glücklicherweise verschlafen hat. Diese sind sicher gut für Wachstumsstatistik und Investoren; für viele Mieter hingegen ein Supergau in der Haushaltskasse. Der Pulsschlag an der Weser war im Gegensatz zu Boomregionen wie Hamburg …

Workshop in Bremen: Degrowth und Gerechtigkeit in der Praxis

Expert*innen und Aktivist*innen aus Umweltverbänden, Wissenschaft und wachstumskritischen Bewegungen kamen am 18. Februar 2016 in Bremen beim Dialog Degrowth zusammen. Dies war bereits der zweite Workshop im Rahmen dieses Projekts – die Auftakt-Veranstaltung fand am 17. November 2015 in Berlin statt. Das von denkhausbremen gesteuerte Vorhaben wird vom Umweltbundesamt gefördert. Projektpartner ist das Forum Umwelt und Entwicklung. Bei dem Projekt sollen konkrete Umsetzungsmöglichkeiten mit den Umweltverbänden entwickelt werden, um das Wachstumsdogma der Wirtschaft zu thematisieren. Impulsvorträge von renommierten Gästen lieferten die Grundlagen für engagierte Diskussionen: Niko Paech: “Grundzüge der Postwachstumsökonomie” Niko Paech ist Professor an der Universität Oldenburg am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt sowie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland. Beate Zimpelmann: „Degrowth – mit den Gewerkschaften in die Mitte der Gesellschaft?“ Beate Zimpelmann ist Professorin an der Hochschule Bremen für “Praxis der Politik” und Leiterin der Koordinationsstelle Hochschule-Gewerkschaften. Jutta Kill: “Degrowth und soziale Gerechtigkeit” Jutta Kill ist Biologin und Aktivistin und war u. a. Koordinatorin der Waldkampagne bei urgewald und Kampaignerin bei der Organisation FERN. Wolfgang Lohbeck: “Popularisierung von Umweltthemen – Lernen …

Ist Degrowth das neue Nachhaltig?

Alternativen zum Wachstum: Starke Umweltverbände können eine zentrale Rolle spielen Von Michael Gerhardt und Peter Gerhardt Nachdenken über das Wachstumparadigma ist die vielleicht relevanteste Zukunftsdiskussion. Die persönlichen Befindlichkeiten der Wohlstandsbürger und auch globale Zusammenhänge werden dabei einbezogen. Was fehlt ist ein allgemein akzeptierter Begriff und eine schlüssige Strategie, wie die Wachstumsgläubigkeit überwunden werden kann. Dabei können starke Umweltverbände eine zentrale Rolle spielen. Macht das dritte iPad noch glücklich? Diese Frage können sich nur Menschen stellen, die schon zwei gekauft haben. Damit sind wir schon bei einem zentralen Kritikpunkt der Debatte um das Wirtschaftswachstum. Sie trägt ziemlich elitäre Züge. Trotzdem ist es spannend darüber nachzudenken, denn auch die gesättigte Mittelschicht hat das Recht auf ihre eigenen Diskussionen. Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Ja, es wäre sicher sinnstiftender gewesen mehr Zeit mit seinen Freunden oder Kindern zu verbringen, anstatt für ein weiteres iPad arbeiten zu gehen. Das sagt auch die so genannte Glücksforschung. Trotzdem stürzen sich auch Menschen, die schon alles haben, ins Hamsterrad und Arbeiten und Kaufen als ob es kein Morgen gäbe. Dieses Dilemma wird …

Oben und Unten

Gastbeitrag von Jürgen Maier, Geschäftsführer des Forum Umwelt und Entwicklung »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.« – Bertolt Brecht Die Deutschen reden gerne über die Moral. Von links bis rechts, quer durch das politische Spektrum. Man beruft sich auf die Moral, auf Werte, gar auf Wertegemeinschaften. Nur wer die Moral auf seiner Seite hat, hat eine Chance, gehört zu werden. Dieser Text dreht sich nicht um Moral. Dieser Text dreht sich um das Fressen, nämlich um Wirtschaftspolitik. Um die Verteilung von Geld und Wohlstand. Seit der neoliberalen Wende Deutschlands in den späten 1990er Jahren herrscht über fundamentale Fragen der Wirtschaftspolitik faktisch nicht nur Konsens in den politischen und gesellschaftlichen Eliten dieses Landes, sondern geradezu Sprachlosigkeit. Wo ein Konsens herrscht, braucht man nicht mehr zu diskutieren, nicht mehr zu argumentieren – man verlernt es sogar. Es hat sich der Glaube durchgesetzt, die aktuelle Wirtschaftspolitik sei »alternativlos«. Merkel hat sie sehr treffend als die »marktkonforme Demokratie« beschrieben; der »demokratiekonforme Markt« gehört längst der Vergangenheit an. Jedenfalls bis 2015. Dieser Konsens äussert sich nicht nur in …